Das Abendkleid



Silvi sah ihrer Schwester Ruth zu, wie sie vor der unaufgeräumten
Küchenzeile hin und her lief.


"Ruth, du nervst, setz dich hin."
"Du hast gut reden. Du brauchst ja nur einen sexy Fummel für die Disco."

"Und du etwa nicht?"
"Nein, ich gehe mit Peter aus."
"Peter, wer ist das denn?"
"Peter ist Student, richtig an der Uni."


"Na und?"
"Er fährt Porsche!"
"Sie mal an, mein kleines Schwesterchen hat Kohle im Kopf."
"Sylvia, du verstehst aber auch gar nichts.
Ich liebe ihn wirklich. Sein Geld ist mir egal."


"Wieviel Geld hat er denn?"
"Weiß nicht. Aber er sagt sein Vater gehört zu den 10 reichsten Männern Deutschlands."
"Ruth, das ist doch Quatsch. Der will doch nur einen wegstecken."
"Sylvi, so hilf mir doch. Er will mit mir in die Oper. Eine Uraufführung."

"Eine Uraufführung? Was ist das denn?"
"Weiß ich auch nicht. Aber ich brauche ein Abendkleid."
"Du machst Witze! Du ein Abendkleid. Denk doch mal an dein Karnevalskostüm als Prinzessin. Alle haben dich ausgelacht."
"Silvia, du bist immer so gemein. Hilf mir doch!"


"Lass ihn sausen. Ist doch ein Spinner. Wenn der wirklich Geld hat,
dann geht er doch nicht mit einer kleinen Verkäuferin in die Oper."
"Du bist gemein. Ich liebe ihn."
"Hör auf zu heulen. Du liebst seinen Porsche.
Muss Spaß machen im Porsche, aber wohl unbequem?"
"Ein bisschen schon. Er ist so lieb, so zärtlich. Peter liebt mich!"


"Der liebt dich nicht. Der will nur mit dir angeben. Du bist sexy, der ist geil auf dich."
"Seine Eltern sind auch in der Oper."
"Er will dich seinen Eltern vorstellen."
"Ja."
"Komm, wir gehen zu Karstadt.
Ich klau dir ein weißes unschuldiges Abendkleid."
"Oh ja, und dann muss Peter mir den passenden Schmuck schenken."


© H.-R. Huly 3 / 2015