Die Residenz am Mondsee

Von H.-R. Huly

 

 

Inhaltsverzeichnis

1. Die Bewohner der Residenz am Mondsee 1

2. Ein neuer Mitbewohner 2

3. Die Dame mit den Bulgaris 4

4. Eine traurige Erkenntnis 7

5. Gestörter Frieden 11

6. Liebe 16

 

1. Die Bewohner der Residenz am Mondsee

Die Pokerrunde:

- Dr. Dr. Hubertus von Menscheck alias Dr. Rolf Schneider, alias Zauberer

- Guido Machese, ehemaliger Pizzerias Besitzer, alias Pizza Machese

- Gerald Heintke, ehemaliger Juwelier und Hehler, alias Stockfisch

- Eduard van (von) Bockenbiel, genannt Revolver Ede,

- Francesco, Fahrer des Zauberers aus Frankfurt

- Prof. Dr. Johannes von Menscheck, genannt Jo, Sohn von Hubertus von Menscheck, - - Vladimir, ein Freund von Francesco,

- Astrid, Freundin von Jo

- Ferdi, Freund von Marion

- Alfred Bachsen, Architekt, Bauunternehmer

 

Die Mitarbeiter der Residenz am Mondsee:

- Werner Schwarzheide, geschäftsführender Alleingesellschafter des Mediana,

- Elsa Kummenbiel, Sekretärin

- Bergholz, Betriebsleiter Residenz

- Jacques, Kellner in der Bibliothek

- Oskar und Benni, Pförtner und Sicherheitsdienst

 

Bewohner des Wohnheimes:

- Gisela Ofenholz, 81, Millionärswitwe, früher Fachverkäuferin Fleischerei

- Heinz Ofenholz, Gründer der Lebensmittelwerke

- Sophie Ofenholz, 57, die erste Tochter von Gisela Ofenholz

- Bernhard Ofenholz, 64, alleiniger Geschäftsführer der Ofenholz Lebensmittel Werke GmbH

- Dr. Marion Ofenholz, Tochter von Sophie Ofenholz, Enkelin von Frau Gisela

- Ferdi, Freund von Marion

- Volker Niedermeier, Steuerberater, Freund von Bernhard Ofenholz

 

- Frau von Ehrenfels, Spezialistin für Schmuck bei Sotheby

- Melinda Fliesbach, Tratschtante,

- Bettina Hinrichse

- Matthias Felsberger

 

2. Ein neuer Mitbewohner

 

Der schwarze SEL hält geräuschlos vor dem Eingangstor der Residenz. Ein großer schwarzhaariger Mann steigt aus und geht zum Pförtnerhaus während das Auto davon fährt.

„Mein Name ist Dr. Schneider. Bitte, melden Sie mich bei Herrn Schwarzheide an.“

Oskar, der Pförtner, ist von der Präsenz des Mannes so eingeschüchtert, dass er ohne Rückfragen das kleine Tor für den Personenverkehr öffnet.

Mit einem leichten Nicken bedankt sich der Besucher und geht mit kräftigen Schritten die schnurgerade Alle mit ihrem uralten, mächtigem Eichenbestand zum Empfang hinauf. Einen kleinen Abstecher in die mit Buchsbaum eingefassten Blumenrabatten, deren Schönheit er beglückt in sich aufnimmt, nutzt er, um das vorzüglich renovierte kleine Schlösschen und die daneben sich elegant im weiten Abstand auf einem Halbkreis angelegten sechs Wohngebäude im Stil der modernisierten Gründerzeit in sich aufzunehmen. Er ist zufrieden, hier wird er eine angemessene Wohnung für die nächsten Jahre finden. Er umrundet den weißen Brunnen, in dem das Wasser über fünf Sandsteinkaskaden unberührt von der Zeit vor sich hin plätschert. Er nickt der Dame im Empfang zu und setzt sich wortlos in eines der bereitstehenden de Sede Sofas.

„Ein Dr. Schneider möchte Sie sprechen, dringend wie er betont. Etwas selbstbewusst der Herr. Er will nur mit Ihnen sprechen. Vertraulich.“

„Muss das ein? Ich muss die Zahlen hier durchgehen. Das passt mir jetzt gar nicht.“, Werner Schwarzheide blickt mit zusammengezogenen Augen seine langjährige Sekretärin, Frau Elsa Kummenbiel, an. Wie immer zeichnen sich die Formen ihres Busens deutlich unter dem engen Pullover ab. Er genießt es. Seine Freunde im Golfclub beneiden ihn um seine Sekretärin. Alle glauben, er hätte was mit ihr, aber da ist nichts. Sie ist das blonde langhaarige Schmuckstück seines Vorzimmers.

„Anzug feinster Stoff, vermutlich Ermenegildo Zegna. Maßgeschneidert aus England. Auch das Hemd. Krawatte über 200 Euro. Aktentasche echtes Schlangenleder, ohne Markenkennzeichnung. Uhr Jaeger-LeCoultre, nicht unter 100.000 Euro. Soll ich ihn warten lassen?“

Elsa kennt sich aus. Im Laufe der Jahre hat sie einen untrüglichen Blick für geeignete Bewerber auf einen Platz in der Residenz entwickelt. Sehr hilfreich ist ihr dabei die Vergangenheit im Hostessservice, wo sie sich mit den Schönen und Reichen an der Rivera rumgetrieben hatte. Leider verpasste sie den richtigen Absprung, um sich einen dicken Fisch zu angeln. Jetzt versucht sie es über das Internet.

„Schicken Sie ihn rein.“, resigniert Schwarzheide.

Ein gut aussehender Endsechziger betritt den Raum. Vor ihm stand Dr. Dr. Hubertus von Menscheck. Volles schwarzes Haar, gerade militärische Haltung. Er lächelt zuvorkommend und wirkt gar nicht, wie Schwarzheide ihn vom Golfclub her kennt. Dort gilt er als arrogant, für manche auch hochnäsig. Der Adelige ist unbeliebt wegen seiner zynischen Kommentare, mit denen er jede gute Laune zerstören kann.

„Welche Überraschung Herr Dr. …“

„Dr. Schneider.“, unterbricht ihn sein Gast. „Bitte, sehen Sie mir meinen überfallartigen Besuch nach, aber es ist wirklich dringend.“

Schwarzheide verbirgt seine Verwunderung hinter den üblichen Begrüßungsfloskeln. Vor ihm steht Dr. Dr. Hubertus von Menscheck, da ist er sich ganz sicher, obwohl der sich in den letzten Jahren rar gemacht hatte. Es heißt, er widme sich nur noch den Familien seiner Kinder und lebe ansonsten im Ausland. Er hatte mit von Menscheck vor Jahren ein oder zweimal Golf gespielt. Ansonsten gab es keine Berührungspunkte, dazu klafft ihre gesellschaftlichen und finanziellen Klasse zu weit auseinander.

Sie setzen sich in die Besucherecke, der Kaffee wird serviert: kein Zucker, schwarz. Nachdem Elsa das Büro verlässt, sie sprachen gerade noch über den Golfclub, bemerkt Dr. Dr. Menscheck alias Dr. Schneider:

„Ich bin letzte Woche ausgetreten.“

„Ausgetreten? Sie haben den Club doch maßgeblich mitgegründet.“, Schwarzheide wundert sich, ist der Golfclub doch das gesellschaftliche Zentrum in ihrem Städtchen. „Darf ich fragen warum?“

„Ich bin mittellos, meine Konten sind gesperrt, das Haus gehört meiner Frau und sie hat mich unseres Heims verwiesen.“

Schwarzheide bleibt der Atem stehen, dann holte er tief Luft. „Verwiesen?“, wiederholte er.

„Genauer gesagt rausgeschmissen. Ich muss leider zugeben, dass dieses Vorgehen angemessen ist. Es gilt den Ruf meiner und ihrer Familie zu schützen.“

Schwarzheide schweigt fassungslos, beim Adel ticken die Uhren offensichtlich anders.

„Herr Schwarzheide, wie Sie sehen bin ich gezwungen kurzfristig, exakt gesagt noch heute, um Aufnahme in Ihre Residenz zu bitten. Ich bin leider unfähig jedwede häusliche Tätigkeit auszuführen. Hierfür hatten wir immer Personal. Ich kann mich zum Beispiel nicht erinnern, wann ich das letzte Mal Lebensmittel eingekauft habe. Oder Hemden bügeln, Betten beziehen, sauber machen. Ich bin hilflos wie ein Kleinkind.“

„Sie sagten, sie wären mittellos. Wie werden dann die Heimkosten bezahlt?“

„Ich weiß es nicht.“, seufzt Dr. Dr. Hubertus von Menscheck. „Ich hoffe, sie finden einen Weg.“

„Es gibt vielleicht Wege, um eine staatliche Unterstützung zu finden. Aber das würde Monate dauern. Und sie wäre nicht ausreichend, um die Kosten zu decken. Wir sind so etwas wie ein fünf Sterne Hotel.“

„Gerade deshalb habe ich mich für sie entschieden. Erinnern Sie sich noch vor ungefähr zwanzig Jahren, als sie die Finanzierung für ihren Plan suchten, ein wirklich elegantes Heim mit bestem Service zu bauen. Wir haben Ihnen damals mit 2,35 Millionen D-Mark geholfen. Wir waren von ihrer Idee überzeugt und haben den Zinssatz auf nur 3% über den Zentralbanksatz festgelegt. Inoffiziell natürlich. Die Transaktion wurde von der United ja fast vollständig bar abgewickelt.“

Und ob Schwarzheide sich erinnert. Das Darlehen war seine Rettung und er hatte nie gefragt, woher das Geld kam. Der Vertrag lief über eine International Business United Ltd. auf den Bahamas. Nach zwölf Jahren hatte er alles zurückgezahlt und nie wieder etwas von seinen Geldgebern gehört.

„Soweit mir bekannt ist, gehört das Heim doch Ihnen. Herr Schwarzheide, sie sind doch alleiniger geschäftsführender Gesellschafter.“, plaudert Dr. Schneider offensichtlich amüsiert weiter.

„Das ist richtig, das Heim gehört mir.“

„Und sie könnten mir das kleine Apartment geben, in dem Frau Behrensdorf bis vor Kurzem gewohnt hat?“

„Sie sind gut informiert Herr Dr. von Menscheck …“

„Dr. Schneider, bitte.“

„Dr. Schneider. Doch leider sind die Kosten sehr hoch, es ist unser bestes Apartment.“

Dr. Schneider greift nach seinem Aktenkoffer, legt ihn auf den Couchtisch, nimmt ein Bündel Geldscheine heraus und schiebt sie Herrn Schwarzheide zu.

„Das sind zweihunderttausend Euro. Wie lange würden die reichen?“

„Sechzehn Monate. Ich dachte, sie sind mittellos?“

„Lassen Sie es mich so formulieren. Dr. Menscheck ist mittellos und wird morgen der Aufmacher in den Zeitungen sein. Dr. Schneider dagegen verfügt über ausreichende Mittel, um seine zurückgezogene, verschwiegene Lebensweise zu bestreiten.“

Schwarzheide denkt an die Zahlen auf seinem Schreibtisch. Ihm fehlen knapp unter zweihunderttausend Euro, um das Nachbargrundstück zu kaufen. Und es muss Schwarzgeld sein, darauf besteht der Verkäufer.

Und so wird Dr. Dr. Hubertus von Menscheck unter dem Alias Dr. Schneider ein neuer Bewohner in der Residenz. In den Büchern wird er als Sozialfall geführt, der von Herrn Schwarzheide in alter Freundschaft unterstützt wird.

 

Elsa wundert sich etwas über die Anweisungen ihres Chefs hinsichtlich Dr. Schneider. Doch sie ist es gewohnt, dass sich die reichen Heimbewohner manchmal etwas seltsam benahmen. Dr. Schneider kommt kurz vor 17.00 Uhr in einem Taxi wieder zurück. Ungerührt registriert Elsa die Veränderungen an Dr. Schneider. Das volle schwarz gefärbte Haar ist weiß geworden, er trägt eine rahmenlose Brille, keine Krawatte und eine einfache Swatch. Seine vier großen Koffer sind von Samsonite und etwas abgegriffen. Dr. Schneider ist nicht wieder zu erkennen, allerdings ist die adelige Haltung unverändert.

Auch nicht, als sie Herrn Dr. Rolf Schneider den Betriebsleiter Herrn Bergholz vorstellt.

„Ich hoffe Sie werden sich bei uns wohlfühlen Herr Dr. Schneider.“, beginnt der seinen üblichen Vortrag.

„Bitte nur Schneider. Das reicht.“, lächelt der Neuankömmling den Betriebsleiter freundlich, kameradschaftlich an und gewinnt damit einen neuen Freund.

Schwarzheide verfolgt in den nächsten Tagen den Wirtschaftsteil der FAZ, in der intensiv vom Zusammenbruch der Finanzgruppe Melchior berichtet wird. Die Geschäftsführer wurden verhaftet und einige Berater der Firma unter Anklage des Betruges gestellt. Der Name Dr. von Menscheck taucht nicht auf. Im Golfclub hört er, dass die private Villa der von Menschecks durchsucht worden sei, aber darüber wurde bald zurückhaltend geschwiegen. Einfach zu peinlich. Die Tage in der Residenz liefen ruhig dahin.

 

 

3. Die Dame mit den Bulgaris

 

„Ihre Ohrringe, gnädige Frau, sind wundervoll. Ich vermute Elisia aus den 60 Jahren von Bulgari?“

„Sie kennen sich aber gut aus, Herr Dr. Schneider.“, Frau Gisela Ofenholz ist sichtlich erfreut. „Bulgari, das hat mein Mann auch immer gesagt. Leider trage ich sie zum letzten Mal.“

Frau Ofenholz hatte sich ohne große Worte zu Dr. Schneider an den Tisch gesetzt, als ob es die größte Selbstverständlichkeit der Welt wäre. Bequem zurückgelehnt sitzen sie in den italienischen Designermöbeln der Bibliothek. Sie genießen die gedämpfte Athmoshäre im Herrschaftsbereich des schwulen Kellners Jacques, der sie aufmerksam und zugeneigt umsorgt. Dr. Schneider liebt diesen Raum. Die Grundfarbe Beige des ganzen Gebäudes findet hier ihre Ergänzung in kräftigen roten und blauen Tönen. Der Teppichboden dämpft die Gespräche. „So kann man sich ruhig unterhalten und nicht,“, wie er verächtlich zu Frau Ofenholz bemerkt, „wie in den modernen Restaurants in Frankfurt, in denen man sich anschreien muss.“ Die Gespräche an den Nebentischen, vollbesetzt mit den Bewohner des Hauses und der Besucher aus der Stadt, werden als angenehme Begleitmusik empfunden, man war nicht alleine. Die Architektur sorgt für eine ausreichende Privatsphäre. Die Bibliothek ist berühnt wegen ihres hervorragenden Kuchens und der erlesenen Teekollektion.

„Sie wollen den Bulgari Schmuck vererben? Wer wird denn die Glückliche sein?“

„Ich muss ihn verkaufen. Mein Sohn Bernhard holt ihn morgen ab.“, Tränen traten in die Augen der 81-jährigen, die ihrem Mann beim Aufbau seines Fleischereikonzerns den Rücken freigehalten hatte, der jetzt von ihrem ältesten Sohn Bernhard geleitet wird. „Die Rechnungen meines Steuerberaters werden immer höher. Heinz, meinem verstorbenen Mann, würde es das Herz zerreißen, wenn er erleben müsste, warum ich den Schmuck verkaufen muss. Er war so stolz, als er ihn mir schenkte. Für die beste aller Ehefrauen, jawohl, das hat er gesagt.“

Dr. Schneider sieht seine Mitbewohnerin lange an. Sie erscheint ihm als liebe Oma mit bläulichen Haaren. Sie bekommt ständig Besuch von ihren Kindern und Enkeln, die ihre Großmutter vorbehaltlos lieben. Auch er muss sich eingestehen, dass er ihrem warmherzigen Charme erlegen ist, der irgendwie durch ihr Übergewicht verstärkt wird. Die Ruhe des Raumes, die großen Kuchenstücke und der duftende Tee, alles schien nur für sie gemacht zu sein.

„Ich kenne mich mit der Steuer ein bisschen aus. Können Sie mir mal die Rechnung zeigen. Als Liebhaber von Bulgari Steinen kann ich den Gedanken nicht ertragen, dass Sie den Schmuck verlieren.“

Eilfertig holt Frau Ofenholz die Rechnung, und bringt die Steuererklärungen der letzten Jahre gleich mit. Rolf Schneider braucht nur einen kurzen Blick und murmelt. „Diese Mistschweine.“

Gemeint sind Bernhard Ofenholz und sein Freund Volker Niedermeier, der Steuerberater von Frau Ofenholz. Sie bescheißen die alte Frau nach Strich und Faden. Rolf Schneider kennt die beiden. Er ist ihnen mehrmals im Saunaklub in Frankfurt begegnet, wo sie sich durch Protzereien hervortaten.

„Mein Bernhard ist ja so lieb. Er wird die Rechnung bezahlen, obwohl es in der Firma schlecht läuft. Und für die Ohrringe und das Halsband bekommt er 5000 Euro, die gibt er mir als Taschengeld.“

„Nur 5000 Euro.“, Rolf Schneider kann es nicht glauben, der Schmuck ist mehr als das Zwanzigfache Wert.

„Ja leider, für alten Schmuck gibt es ja nicht viel, sagt Bernhard immer.“

„Mal sehen, was ich da machen kann. Ich komme gleich wieder.“

Er brachte Guido Machese mit, in bestimmten Kreisen Pizza Machese genannt, seines Zeichens Pokerpartner von Rolf und ehemaliger Besitzer mehrerer Pizzerias. Er blättert wortlos 10.000 Euro hin.

„Da wird sich der Bernhard aber freuen.“, dankbar übergab Gisela die Ohrringe, eine große Halskette und einen Armreif sowie einen passenden Ring an Guido Machese. „Jetzt brauche ich lange kein Taschengeld von ihm. Ich bin Ihnen ja so dankbar Herr Schneider. Sie müssen mich Gisela nennen.“

Gerne stimmt Dr. Schneider zu und so werden sie Gisela und Rolf und bald duzt sich das halbe Altersheim mit dem lieben und hilfsbereiten Dr. Rolf Schneider, der sich der mütterlichen Verführung der blauhaarigen Gisela nicht entziehen konnte. Dabei hatte er sich geschworen, in die Anonymität ohne Bekanntschaften abzutauchen.

„Früher würde uns jetzt die Fleischfabrik gehören.“, grummelt Guido. „Und jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen, der alten Dame den Schmuck abzunehmen.“

„Ja früher. Da warst du auch noch gierig.“

„Bin ich immer noch.“

„Und warum bist du dann ständig in der Kirche?“

„Na ja, eine gute Tat kann ja nicht schaden. Und sie bekommt den Schmuck ja zurück.“

„Was wissen wir über diesen Bernhard Ofenholz?“

„Ich frag mal in Frankfurt nach.“

Kichernd wie kleine Junges ziehen sie sich zu ihrer Pokerrunde zurück. Glücksspiel ist im Heim verboten, deshalb spielen sie mit Streichhölzern und Bergholz drückt beide Augen zu.

Pünktlich am Morgen des nächsten Tages erscheint Bernhard Ofenholz und reicht seiner Mutter einen Umschlag mit 5000 Euro.

„Wo hast du den Schmuck, Mutter?

„Mein lieber Bernhard. Ich habe gute Nachrichten für dich.“, Gisela drückt ihrem Sohn das Geld wieder in die Hand. „Ich habe den Schmuck verkauft. Stell dir vor, zehntausend Euro hat mir der gute Herr Machese dafür gegeben. Ich glaube, tausend Euro gebe ich davon Iris, die kann das Geld sicher gut für das Baby gebrauchen.“

Bernhard sagt nichts, er läuft nur rot an und beugt sich vor. Dann springt er auf. „Ich bin gleich wieder ...“

„Bernhard was ist denn, geht es dir gut?“

Aber da hat ihr Sohn schon die Tür zugeknallt und ist auf den Weg ins Sekretariat, wo er auf Elsa Kummenbiel trifft.

„Wo finde ich diesen Machese?“

„Guten Tag Ofenholz, Herr Machese geht mit einem Bekannten im Park spazieren, sie wollen wohl auch einige Schritte in den Wald gehen. Da können Sie ihn nicht verfehlen, er stützt sich auf einen silbernen Gehstock.“

Wieder knallt eine Tür, dann ist Bernhard am Tor zum Wald. Der silberne Gehstock kommt ihm entgegen.

„Geben sie sofort den Schmuck raus, den sie meiner Mutter gestohlen haben.“

„Wie bitte?“

„Sie verdammter Erbschleicher, den Bulgari Schmuck. Sofort, oder ich gehe zur Polizei.“

„Polizei? Wirklich?“, Pizza Machese grinst ihn fröhlich an. „Polizei, so, so.“

Er wendet sich seinem Begleiter zu, einem bulligen, freundlich lächelnden Mittdreißiger in einem dunkelgrauen Maßanzug, der die gewaltigen Muskeln nur notdürftig überdeckt. Nur die protzige goldene Rolex stört etwas den perfekten Auftritt. Sein Schlagring ist nicht zu sehen, seine Pistole auch nicht. Die dicken Schwielen auf seinen Knöcheln, könnten Ofenholz auffallen, aber dazu ist er viel zu wütend. Solche Schwielen kommen vom stundenlangen Schlagen auf Holz, Kampfsport der härtesten Art. Auch die straffgespannte Haut im Gesicht, alles nur Muskeln, kein Fett, fallen Ofenholz nicht auf.

„Francesco, er will zur Polizei, da könntest du ihn doch in deinem Wagen mitnehmen.“

„Machen sie keine Faxen. Rücken Sie den Schmuck raus, Sie Betrüger. Sofort.“ Er streckt Machese seine Hand entgegen, die von Francesco ergriffen wird. Bernhard verstummt. Seine Hand ist in einem Schraubstock eingeklemmt.

„Mein lieber Herr Ofenholz. Der Kauf fand im Salon statt und es haben mindestens fünf Zeugen zugesehen. Ich habe ihrer Mutter das Doppelte von ihrem Preis bezahlt. Ich frage mich, wer von uns beiden der Betrüger ist.“

Bernhard Ofenholz krümmt sich zusammen, ein furchtbarer Schlag hat sein Zwerchfell getroffen. Dann ein Schlag in den Magen. Die eiserne Faust von Francesco hält ihn, und so bleibt er stehen, als ob nichts passiert wäre.

Francesco hat einen sanften Bass. „Schöne Grüße aus Frankfurt. Die Bezahlung ihrer Spielschulden wird um eine Woche verlängert. Sie sind ja offensichtlich nicht in der Lage zu bezahlen. Eine Woche! Und der Betrag erhöht sich auf 453.251 Euro. Wir sind halt großzügig bei einem alten Kunden.“

„Ich habe damit nichts zu tun.“, betont Herr Machese mit abwehrenden Händen, „Ich bin auch nur Kunde bei diesem Herrn. Doch ich habe heute gezahlt. Konnte ein gutes Geschäft mit Schmuck machen.“

Er wendet sich an den jungen Mann. „Mein lieber Francesco, vielen Dank für deine Hilfe. Grüß deinen Vater von mir. Er soll mal beim Pokern vorbeischauen. Der Zauberer hat sicherlich ein gutes Angebot für ihn. Bitte begleite doch Herrn Ofenholz zu seinem Wagen.“

Fürsorglich hakt Francesco Ofenholz unter, der nur leise vor sich hin stöhnt. Auf dem dem Weg zum Parkplatz begegnet ihnen eine Schwester, die ihm ihre Hilfe anbietet. „Ich komme zurecht, vielen Dank Schwester.“ Ofenholz wagt kein Wort, zu kräftig ist der Druck auf seinen Arm.

Bernhard Ofenholz wurde nie wieder in der Residenz gesehen. Beschwingt ging Pizza Machese in den Park zurück.

 

4. Eine traurige Erkenntnis

 

Eine Woche später fährt Francesco in einem schwarzen Mercedes SE Langversion vor dem Haupteingang der Residenz vor. Pizza Marchese, Dr. Schneider und Frau Ofenholz steigen ein.

„Den hat mein Heinz auch immer gefahren.“, Frau Ofenholz ist begeistert. „Nur die Fenster waren nicht so dunkel.“

Sie sind auf den Weg zu Sotheby’s in Frankfurt. Vor drei Tagen war Frau Gesine Ofenholz zu ihnen an den Pokertisch gekommen. Sie wartete geduldig, bis die Runde zu Ende gespielt war.

„Die Kinder brauchen immer Geld und ich habe doch so viel Schmuck. Vielleicht möchten die Herren noch etwas kaufen.“

Bei diesen Worten stellte sie eine schwere Schmuckkiste auf den Tisch. Steine funkelten, Goldbarren glänzten und unwillkürlich griff Gerald Heintke seine Serviette und warf sie über die Kiste.

„Um Gottes willen. Wo kommt das her.“, stöhnte Gerald, genannt Stockfisch, ehemaliger Juwelier und Hehler. Er sieht sich sichernd um, sie waren allein im kleinen Salon, wie immer wenn sie Poker spielten. Gesine hatte ihn verwundert angesehen.

„Das hat mir Heinz geschenkt. Er sagte immer, für meine liebe Ehefrau.“

„Glück gehabt, wir haben keinen Gast, wir sind unter uns.“, flüsterte Eduard von Bockenbiel, genannt Revolver Ede, ein ehemaliger Waffenhändler.

„Das ist zu viel der Versuchung, ich gehe. Zauberer mach du das.“ Stockfisch stand auf und verließ zusammen mit Ede und Pizza den Salon.

Dr. Schneider hebt kurz die Serviette an und überzeugt sich davon, was er gesehen hatte.

„Wer weiß davon?“, er sieht Gisela streng an.

„Niemand. Heinz hat immer gesagt, ich dürfte es niemanden zeigen und nicht darüber reden. Aber jetzt ist er schon lange im Himmel und die Kinder brauchen doch immer etwas Geld. Er wird mir verzeihen.“

Ein kleiner Druck an der richtigen Stelle und Gisela würde das Zeitliche segnen. Ohne Zeugen, ein plötzlicher Tod. Die Steine und das Gold würden in seinem Tresor landen. Durch vier wäre das für jeden sicherlich über 5 Millionen Euro. Auf dem Tisch lag ein unvorstellbares Vermögen. Er konnte seine Pokerpartner gut verstehen, warum sie den Raum verlassen hatten. Er war immer nur mit Geld beschäftigt gewesen, aber seine Pokerfreunde kannten die rohe Gewalt aus eigenen Taten. Sie waren anfällig.

„Liebe Gisela. Dein Mann hat recht gehabt. Dies ist ein riesiges Vermögen. Niemand darf davon wissen. Wir werden nicht wieder darüber reden, bevor ich es dir sage. Bitte vertraue mir. Und jetzt bringen wir es in deinen Safe zurück.“

 

Und jetzt sitzen Pizza und der Zauberer zusammen im schwarzen Mercedes auf der Fahrt zu Sotheby’s in Frankfurt. Die Tasche mit dem vielen Schmuck zwischen ihnen. Sie hatte eine undankbare Aufgabe vor sich und ihre Stimmung war entsprechend gedrückt.

„Heinz hat mir jedes Jahr etwas geschenkt.“, Gisela ist eine fröhliche Frau und das Schweigen gefällt ihr nicht, also erzählte sie. Erleichtert, das lang gehütete Geheimnis offen zu legen.

„Ich durfte den Schmuck nie anziehen, wenn wir ausgingen. Auch im Haus nicht. Zu Weihnachten haben wir uns immer fein gemacht, aber auch da durfte ich den Schmuck nicht anlegen. Er hat mir dafür immer süßen Silberschmuck mitgebracht.“

„Ein kluger Mann, dein Heinz.“

„Ja klug war er. Er sagte immer, unter zehn Schweinen ist auch ein schwarzes Geldschwein. Ich würde gerne wissen, was das bedeutet.“

Pizza und der Zauberer sehen sich verständnisvoll an und der Zauberer schließt kurz die Augen. Der gute Heinz hatte also 10 Prozent vom Umsatz schwarz verdient. Über die Jahre eine unvorstellbare Summe.

„Das bedeutet, dass dein Ehemann ein sparsamer Mann war.“, erklärt Rolf, ohne zu erwähnen, dass die Ersparnisse und damit der Schmuck aus Steuerhinterziehung stammten. Wer bin ich, den verblichenen Heinz zu verurteilen?

„Ich durfte den Schmuck nur anlegen, wenn wie allein vor dem Kamin saßen.“ Gisela lächelt verträumt bei der Erinnerung. „Er sah mich dann immer so verliebt an.“

Sie schweigt, in Erinnerung versunken.

„Ach was soll‘s. Dann zog er mich aus und wir liebten uns.“ Sie lacht laut auf. „Jetzt kann ich das ja sagen. Es war wunderbar.“

Die Stimmung im Mercedes ist plötzlich gelöst, das Gold hat seine beängstigende Wirkung verloren und Gisela erzählt ausgelassen weiter.

„Ich war ja erst siebzehn, als Bernhard kam. Siebzehn und schwanger. Ich arbeitete beim Vater von Heinz in der Schlachterei. Es war furchtbar, eine Schande für die ganze Familie. Aber Heinz hat sich durchgesetzt und so ist es geblieben. Ich, die kleine Schlachtereiverkäuferin, und er, der große Unternehmer. Er hat mir immer alles erzählt, aber ich habe nichts verstanden. Ich habe ihn und die Kinder versorgt und das war gut so. ‚Du schenkst mir Ruhe. Du bist mein Erfolgsfaktor‘ sagte er immer. Erfolgsfaktor, wieso bin ich ein Erfolgsfaktor? Ich habe ihn nie gefragt, weil es so nett klang. Unsere Ehe war einfach, er versorgte die Familie und ich betreute die Kinder.“

Als sie Sotheby’s erreichen, kennt Dr. Dr. Hubertus von Menscheck und Guido Machese die ganze weitverzweigte Familie von Gisela Ofenholz. Beide beißen die Zähne zusammen, um nicht auszusprechen, was sie wirklich bewegt. Heinz Ofenholz hatte seine Familie gut versorgt, aber seine Frau nie über den Reichtum des Unternehmens aufgeklärt. Sie war und ist völlig unwissend in kaufmännischen Dingen und das hatte ihr Sohn Bernhard weidlich ausgenutzt, wie sie aus ihren Frankfurter Quellen wissen.

Bei Sotheby’s werden sie respektvoll begrüßt und in einen mit einer roten Sitzgarnitur ausgestatteten Raum geführt. An den Wänden hängt moderne Kunst mit Aufrufpreisen über hunderttausend Euro. Eine Frau von Ehrenfels - graues Kostüm, kleiner goldener Anhänger, streng zurückgekämmten Haaren - stellt sich als Spezialisten für die Bewertung von Schmuck vor. Die gegenseitige Vorstellung verläuft geschäftsmäßig. Frau von Ehrenfels lässt sich die Bedenken Ihres Chefs nicht anmerken, der sie über die Gerüchte um Dr. Dr. von Menscheck vor dem Termin aufgeklärt hatte. Er hatte etwas von Mafia gemurmelt.

Bei der Vorstellung von Gesine Ofenholz geht ein Strahlen über ihr Gesicht.

„Gnädige Frau, es ist mir ein Vergnügen sie kennenzulernen. Schon als Kind habe ich ihre Produkte gegessen und bin bis heute eine begeisterte Fleischesserin. Besonders die Currywürste, ich werde sie mein ganzes Leben lieben!“

Machese denkt, sie ist ja doch keine Maschine.

Gesine bedankt sich artig, sie kann die Spannung kaum ertragen. Ist ihr Schmuck wirklich so viel wert?

Guido Machese legt die Emilia Schmuckstücke auf den Tisch. Frau von Ehrenfels sitzt plötzlich kerzengerade in ihrem Sessel. „Wunderschön.“ Sie holt eine Lupe hervor und sieht sich Stück für Stück sehr sorgfältig an.

„Wunderschön. Perfekte Steine. Einfach vollkommen und wie neu. Es gibt in dieser Zusammensetzung nur noch ein weiteres Collier im englischen Königshaus, allerdings ohne die zugehörigen Ohrringe und das Armband. Eine unschätzbare Rarität.“

„Auf welchen Wert würden sie das Auktionsergebnis schätzen?“, fragt Dr. von Menscheck.

„Vorsichtig würde ich sagen, nicht unter 800.“

„Oh, nur 800. Da muss ich ihnen aber das Geld zurückgeben Herr Machese.“

Guido Machese blickt Gisela Ofenholz verwirrt an.

„Nicht 800 Euro, liebe Gisela, 800.000 Euro.“, klärt Hubertus sie auf.

„800.000 Euro. Schade, dass Bernhard das nicht gewusst hat. Aber ich habe ja noch mehr davon. Da kann ich ihm sicher in der Firma helfen.“

Frau von Ehrenfels ist verwirrt und Dr. von Menscheck bittet sie, ihnen für einige Minuten den Raum zu überlassen. Formvollendet erhebt sich die Spezialistin, nicht ohne noch einen anerkennenden Blick auf den Schmuck zu werfen.

„Gestatten Sie mir gnädige Frau.“, Guido Machese steht auf und legte Gisela das Collier um. „Ich kann es unmöglich behalten. Nehmen Sie es als Dank dafür, ihnen begegnet zu sein.“

Gisela lächelt unsicher und dankbar. Sie begreift, dass sie reich ist.

„Ich bin also reich. So was wie ein Lottogewinn. Die Kinder werden sich freuen.“

„Liebe Gisela, leider muss ich dir noch etwas sagen.“

Guido ahnt, was kommt und verlässt den Raum.

„Bernhard weiß sehr wohl um den Wert des Schmuckes.“

„Du meinst, er hat mich belogen?“

„Ja, und das seit Jahren.“

Gisela sieht ihn mit großen Augen an, die sich langsam mit Tränen füllen. Dr. Dr. von Menscheck, würde am liebsten weggelaufen. Der Mann, der Milliarden verschwinden lassen kann, um sie an anderer Stelle wieder auftauchen zu lassen, was ihm den Namen der Zauberer eingebracht hatte, dieses Mann ist überfordert. Zu viele Gefühle, die er sich sonst nie gestatte. Geld ja, da fühlte er sich sicher, aber Tränen einer alten Frau, einer guten Frau, wie soll er das durchstehen?

„Gisela, bitte höre mir zu. Du bist alleinige Eigentümerin der Firma deines Mannes. Und die Firma ist sehr erfolgreich und verdient sehr viel Geld. Du bist eine der reichsten Frauen Deutschlands, du bist Milliardärin.“

„Bernhard hat doch immer gesagt, die Firma verdient nichts. Und auch die anderen Kinder haben ihm immer zugestimmt.“

Dr. Dr. Hubert von Menscheck steht auf und läuft unruhig im Zimmer herum. Was sollte er tun? Gisela war keine seiner hart gesottenen Klienten, sie war eine warmherzige, ehrliche Frau. Wie sollte er ihr die ganze Wahrheit sagen?

„Bernhard hat seine Geschwister erpresst, dir nichts zu sagen. Er spielt und verliert. Ich habe hier Schuldscheine von ihm in Höhe von 12 Millionen Euro.“, der Zauberer legte die Papiere auf den Tisch. „Er ist in krummen Geschäften verwickelt und hat die Firma deines Mannes fast vollständig ausgeräumt. Du musst ihn stoppen. Sofort. Du musst die Firma retten, für deine anderen Kinder.“

„Was muss ich tun?“, Gisela trocknet ihre Tränen und sieht Hubertus entschlossen an.

„Deine Kinder warten auf dich im Notariat Henzler & Partner. Sie können dir meine Geschichte bestätigen. Dort kannst du deine Tochter Rina und deinen Sohn Richard zu Geschäftsführern bestellen. Sie haben Erfahrung und sind geeignet die Firma zu retten. Bernhard wird mit sofortiger Wirkung entlassen.“

Gisela steht auf. „Dann lass uns gehen. Aber den Schmuck behalte ich an.“

„Aber selbstverständlich doch.“, Hubert lacht erfreut laut auf. „Wenn ich vorgehen dürfte, gnädige Frau.“

 

Einige Monate später sitzen sie wieder beim Pokern zusammen. Sie haben einen jungen Gast, Johannes genannt Jo, den Sohn des Zauberers. Vergnügt nehmen sie ihm über hundert Euro ab.

„Hubertus, dein Sohn spielt mehr als miserabel. Und dem haben wir die Finanzen der Ofenholz GmbH anvertraut? Er sieht so jung aus, könnte noch Student sein.“

„Er hat das richtige Leben halt nie gelernt. Aber er ist der beste Harvard Absolvent seines Jahrgangs und mit 36 Jahren bereits seit drei Jahren Seniorpartner bei Pauls, Waterfall & Eventon. Ich bin sicher, er hat noch keinen Euro Steuern hinterzogen.“

Erschreckt nimmt Johannes seine Augen von den Karten, die er gerade umständlich aber konzentriert mischt, und blickt seinen Vater mit wachen Augen, an.

„Aber Vater, wie kannst du so etwas auch nur von mir denken!“

Seine braunen Augen zeigen leichte Entrüstung über seinen Vater, aber auch Verständnis für Machese. Dank seiner glatten Haut, die er vom Vater geerbt hat, ist er es gewohnt, zehn Jahre jünger geschätzt zu werden.

„Jo, ich darf dich doch Jo nennen: Prof. Dr. Johannes von Menscheck ist doch etwas lang, oder.“, frotzelte Pizza. „Was macht denn die Ofenholz GmbH.“

„Aber gerne, Herr Machese. Die Umwandlung in eine AG läuft planmäßig. Das Konsortium hat 150 Millionen bereitgestellt und damit ist das Unternehmen wieder voll liquide, wodurch der Marktwert sich voraussichtlich kurzfristig verdreifachen wird. Die Stiftung für die Familie ist zu aller Zufriedenheit gegründet.

Jo berichtet über alle wichtigen Einzelheiten. Es begeht damit keinen Vertrauensbruch, denn aufgrund einer kleinen Bemerkung seines Vaters und einer unbedachten Bestätigung durch Frau Ofenholz, weiss er, wer das Konsortium wirklich ist.

Die alten Herren haben längst auf Durchzug gestellt. Sie genossen die Begeisterung mit der Jo spricht. Er vertritt die neue Generation, er war legal. Ohne Bezug zu ihren alten Geschäften und trotzdem machte er sie reicher. Es ist schön, die Kinder groß werden zu sehen. Als sie wieder pokern, nehmen sie ihm weitere 212 Euro ab.

 

Nachdem Jo gegangen war, brechen sie die Pokerpartie ab. Pizza holt zwei Weinflaschen, von denen er wie immer die Etiketten abgemacht hatte. Seine Kumpel brauchten nicht zu wissen, welche Kostbarkeiten er ihnen kredenzte. Sie würden sich nur verpflichtet fühlen, sich zu bedanken.

„Habe ich das richtig verstanden, unsere 150 Millionen werden sich verdreifachen. Legal.“, fragt Stockfisch.

„Das ist richtig, allerdings geht noch etwas davon ab, um die Spielschulden von Bernhard zu bezahlen. Ohne dem geht es nicht.“

„Hat es sich bestätigt, dass Bernhard der Beseitigung seines Vaters zugestimmt hat, um an die Firmengelder zu kommen?“, Pizza wendet sich an Ede.

„Hat er. Sein Vater war hinter seine Probleme gekommen. Da hat er kurzen Prozess gemacht. Und jetzt hat er seinen alten Kontakt wieder aufgenommen. Er möchte das Erbe seiner Mutter antreten, bevor er völlig enterbt wird. Er will unbedingt wieder spielen, dieser Scheiß Vatermörder.“

„Das darf auf keinen Fall geschehen. Wir müssen unser Investment retten. Ede, kannst du das übernehmen?“

„Wird gemacht.“

 

Am nächsten Tag setzt sich Gesine beim Frühstück zu Hubertus, wie sie ihn immer öfter nennt.

„Das war doch gestern dein Sohn bei euch zum Pokern.“

„Ja, mein Jüngster, Johannes. Du kennst ihn doch aus den Verhandlungen zur Umstrukturierung des Unternehmens.“

„Richtig. Ich habe mich über ihn erkundigt. Er trägt keinen Ehering.“

„Er ist etwas schüchtern bei Frauen und sie langweilen ihn schnell. Studierte zu viel. Und jetzt sind die Passenden alle verheiratet.“

„Ich hab da eine Enkelin, Marion. Die kommt mit den dummen Studenten nicht zurecht …

 

 

5. Gestörter Frieden

 

Man könnte glauben, in einem Altersheim wäre alles ruhig, die Menschen vernünftig und die Kommunikation geprägt von Freundlichkeit und Rücksichtnahme. Warum sollte die Bewohner sich auch aufregen? Finanzielle Sorgen gibt es nicht, soweit man sehen konnte. Futterneid ist nicht angebracht.

Und doch - es gibt Aufreger.

Melinda Fliesbach fragt inquisitorisch mit spitzer Stimme beim Frühstück, wer denn die Dame gewesen sei, die gestern Abend, kurz nach Dunkelwerden, im Fahrstuhl in den 4. Stock gefahren sein.

„Wieso interessiert dich das?“, fragt Bettina Hinrichse. „Sie musste sich doch beim Pförtner gemeldet haben.“

„Den hab ich gefragt, der weis von nichts.“

Melinda zuckt die Schultern.

„Wird schon nichts Besorgniserregendes gewesen sein.“

„Sie war so seltsam angezogen und sicherlich nicht von hier?“

„Was meinst du damit?“, fragt Matthias Felsberger. „Nicht von hier?“

„Na ja, sie war nicht weiß. Ich meine, sie kommt wohl aus Asien.“

„Aus Asien? Vielleicht Thailand. War sie schlank?“, Alfred Bachsen fasst sichtlich interessiert nach, schließlich war er erst 66 Jahre und unterhalb des Bauchnabels noch nicht tot.

„Natürlich war sie schlank, das sind doch alle Asiatinnen. Die bekommen doch nichts zu Essen. Und jung war sie auch!“, ergänzt Melinda spitz.

Alfreds Augen wurden groß.

„Vielleicht eine Masseuse?“

Jetzt ist Melinda auf achtzig mit ihren achtzig Jahren.

„Aber bitte Herr Bachsen, doch nicht in unserem Haus. Wir haben doch wirklich hervorragende Masseure von untadeligem Ruf hier in der Residenz. Da braucht doch keine Ausländerin zu kommen.“ Sie holt tief Luft. „Und wie die angezogen war! Ganz kurze Hotpants und man konnte den Busen sehen.“

Herr Bachsen beschließt zu schweigen. Die Gruppe löst sich auf.

Melinda, diese von einer Schönheitskönigin zur Tratschtante gewandelten Bohnenstange mit Schluchten im Gesicht, geht von Heimbewohner zu Heimbewohner, um das Rätsel der sonderbaren Dame zu lösen. Sie stößt auf eine Mauer des Schweigens, ihre Vergangenheit ist bei den Bewohnern nicht geziemend. Drei Ehemänner waren bald nach der Hochzeit verschieden, und hinterließen ihr jeweils ein nennenswertes Vermögen. Natürlich hatte sie sie nicht umgebracht, wie einige giftigen Zungen behaupteten. Sie waren einfach schon bei der Hochzeit nicht mehr richtig am Leben.

Auch Herr Bachsen lässt die Sache nicht auf sich beruhen, vorsichtig fragt er die männlichen Bewohner im vierten Stock, ob einer der Herren die Dame kennen würde. Er äußert Bemerkungen wie „Ich war früher öfter in Thailand zum Golf spielen. Die Caddys waren immer sehr nett.“

Nur Dr. Rolf Schneider meint dazu „Das ist mir bekannt.“, sagt aber nichts weiter.

 

Melinda Fliesbach leg sich auf die Lauer und berichtet in den nächsten Wochen von weiteren Damen, die offensichtlich nicht zu der erlauchten Gesellschaft der Residenz gehören. Herr Bachsen hörte immer begierig zu, konnte die seltsamen Gerüchte aber auch nicht aufklären.

 

Natürlich erreicht das Gerücht auch die Pokerrunde.

„Unser Damen erregen immer stärker das Interesse unserer Mitbewohner.“, erhöht der Zauberer. „Wir müssen uns da was einfallen lassen.“

„Hat dich Bergholz schon angesprochen?“, Pizza zieht mit.

„Kein Wort. Aber sicherlich kann er die Gerüchte nicht ewig ignorieren, die Fliesbach macht ihm schon Vorwürfe. Vor allem weil die Pförtner nichts wissen.“

„Du meinst Franz, den Pförtner, oder den anderen? Wie heißt der noch mal?“, Stockfisch erhöht.

„Es gibt noch Oskar und Benni. Die reden alle drei nicht. Zuverlässige Leute, die auch ihre Vertretungen einweisen. Die Fliesbach ist das Problem.“, die Karten werden gezeigt. Stockfisch hat gewonnen.

„Melinda Fliesbach, diese Tratschtante. Die war schon mit zwanzig eingetrocknet.“, der Zauberer hebt ab und Revolver Ede gibt neue Karten.

Die Vier fallen auf den pubertierenden Straßenslang ihrer Jugend zurück. Irgendwie fühlten sie sich dabei verjüngt.

„Die hat im Leben keinen Orgasmus gekriegt.“ „Die hat nie gevögelt.“ „Wir sollten den Mösenlecker Franz holen, der schleckt auch Achtzigjährige.“ „In der Insomia Bar gibt es doch den Arschficker, wie heißt der noch mal, der soll doch schon Leichen gestochen haben.“

„Ich gehe mit.“, der Zauberer wird wie immer als erster wieder seriös. „Also, wer hat Vorschläge?“

„Wissen wir was über die Alte?“, Pizza erhöht.

Allgemeines Achselzucken.

„Ok, ich schieb das mal in die Kanäle in Frankfurt. Vielleicht bringt das was.“

 

Einige Tage später ist Pizza Macheses Geburtstag. Es gibt eine Feier, die beim Zauberer stattfindet, da sein Apartment mit den drei Gästeschlafzimmern am geeignetsten erscheint. Vladimir, ein Freund von Francesco, bringt pünktlich sechs Damen aus Frankfurt, wie immer zwei als Reserve, falls jemand nicht die richtige findet. Die Geburtstagsgäste tragen lange Mäntel, die ihre perfekte Weiblichkeit verbergen. So soll jede Anstößigkeit in der Eingangshalle vermieden werden.

Die Damen huschen unter strahlemden Lächeln in die Gästezimmer, um sich herzurichten. Die Herren beginnen es sich gemütlich zu machen, voller Zuversicht auf die Fähigkeiten der Ladys, ihnen die gewünschten Freuden zu bereiten. Erste Sondierungen der weiblichen Gäste unter fröhlichem Gelächter versprechen eine befriedigende Feier.

Doch dann klingelt es stürmisch an der Tür. Stirnrunzelnd öffnet der Zauber, vor ihm steht Alfred Bachsen.

„Die Melinda Fliesbach ist auf den Weg hier her. Sie bringt Bergholz mit.“

Der Zauberer hört das Öffnen der Fahrstuhltür und zieht Herrn Bachsen kurz entschlossen ins Zimmer.

Die Geburtstagsgäste sehen Herrn Bachsen erstaunt an.

Mit ruhiger Stimme erklärt der Zauberer die Situation.

„Herr Bachsen hat uns gewarnt, dass Bergholz mit der Fliesbach in Anmarsch ist. Herr Bachsen, würden sie bitte mit unseren weiblichen Gästen in eines der Schlafzimmer gehen. Meine Damen, nehmen sie bitte ihre Getränke und ihre Utensilien mit.“

Als Herr Bergholz und die petzerische Fliesbach von Dr. Rolf Schneider ins Wohnzimmer gebeten werden, sitzen drei alte Unschuldsengel friedlich mit ihrem Champagner am Esstisch, auf dem ein kaltes Buffet aufgebaut ist.

„Womit kann ich ihnen helfen, Herr Bergholz.“ Dr. Schneider war ganz Hausherr.

„Sie haben wieder diese Damen ins Haus gebracht! Es ist eine Schande, wie sie sich, Herr Dr. Schneider, benehmen. Und das in Ihrem Alter!“, keift die Fliesbach los.

„Gnädige Frau, worüber reden sie. Was für Damen?“

„Na diese ... ich sage es lieber nicht. Prostituierten, ja Prostituierte. Sie bringen Prostituierte in unser gemütliches Heim. Sie ziehen uns alle in den Dreck! Das hätte ich niemals von ihnen gedacht.“

„Prostituierte? Wo sehen sie hier Prostituierte. Dies ist ein Herrenabend. Wir feiern den Geburtstag unseres Freundes Guido.“

Innerlich lacht der Zauberer, ein Herrenabend, aber was für einer.

„Sie haben sie versteckt!“, zielstrebig steuert die Fliesbach auf die Tür zu den Schlafzimmern zu.

„Halt!“, donnert die Stimme von Dr. Schneider. „Was erlauben Sie sich, Frau Fliesbach! Wollen sie Hausfriedensbruch begehen?“

Abrupt bleibt die Fliesbach stehen, will sich dann aber weiter in Richtung Tür bewegen.

„Herr Bergholz, ich möchte Sie bitten, dies Frau aus meinem Apartment zu bringen.“

Mit erstaunlicher Geschwindigkeit packt Herr Bergholz die sich sträubende Dame und zog sie gewaltsam zur Tür.

„Ich danke Ihnen, Herr Bergholz.“

 

Dr. Schneider schließt die Tür hinter den beiden, sperrt zu Sicherheit ab und ruft die Damen der lustigeren Gesellschaft wieder ins Wohnzimmer. Mit ihnen kommt Herr Bachsen, der die Augen nicht von einer süßen Thailänderin lassen kann, für die sich keiner der Herren entschieden hatte.

„Herr Bachsen, ich möchte Ihnen meinen herzlichen Dank sagen. Wollen Sie sich uns vielleicht anschließen?“

Und ob Herr Bachsen will. Es wurde eine fröhliche Altherren-Party mit Happy End.

 

Zwei Tage später sitzen der Zauberer und Revolver Ede mit weit ausgestreckten Beinen zufrieden mit einer Flaschen Chianti vor dem Kamin.

„Was machen wir mit der Fliesbach, sie schleicht immer noch hinter uns her.“

„Eklige Person, der arme Ehemann.“

„Sie ist verheiratet?“

„War. Ihr letzter Mann hat sich vor einigen Jahren die Kugel gegeben. Einige behaupten, sie hat ihn erschossen. Wegen der Versicherung und weil er angefangen hatte, sein Vermögen mit einer Geliebten durchzubringen.“

„Alle Achtung, die Frau hat meinen Respekt.“, Ede prostet dem Zauberer zu.

„Also Geld hat sie genug, darüber kommen wir nur schwer an sie ran.“

„Ist die ängstlich?“

„Im Gegenteil, sie kann zur Furie werden und ist dann völlig rücksichtslos.“

„Dann weiß ich auch nicht. Ich hab da noch eine saubere Barette im Zimmer liegen. Wir erschießen sie. Selbstmord.“, feixt Ede vergnügt.

„Ja die alten Zeiten.“, auch der Zauberer grinst sichtlich amüsiert. „Aber dann hätten wir die Polizei im Haus. Das wollen wir doch wohl nicht.“

„Nein, das wollen wir wohl nicht.“

Sie beginnen über vergangene Morde in der Familie zu reden. Dabei fühlen sie sich alt. Mord als Mittel zur Beendigung von Streitigkeiten war schon lange aus der Mode gekommen. So waren sie froh, als es klingelte. Es war Herr Bachsen, etwas scheu überreicht er Herrn Dr. Schneider zwei Flaschen Wein, als Dankeschön für den Abend vor zwei Tagen. Ehe Herr Bachsen sich versieht, sitzt er mit am Kamin und muss von sich erzählen. Er war Architekt, dann Bauunternehmer mit über tausend Leuten und hatte vor einigen Jahren alles verkauft.

„Ich erinnere mich.“, der Zauberer sieht Bachsen mit unbewegter Mine an. „Der Korruptionsskandal in Essen. Der Zeuge der Anklage war ein gewisser Heribert Müller. Sie wurden freigesprochen.“

„Sie haben ein gutes Gedächtnis, Herr Dr. Schneider. Das Ganze war eine vollständig frei erfundene Geschichte. Da stimmte kein Wort. Das war ganz anders gelaufen.“

„Ja, über den Parteivorsitzenden.“

„Woher wissen sie das.“

„Ich hab da so meine Quellen.“

„Sie, Herr Dr. Schneider, haben Verbindungen in die Politik?“

„Ja. In die Politik und zu anderen ehrenwerten Personen.“

Hilfesuchend schaut Bachsen zu Revolver Ede. Der zuckt nur mit den Schultern.

„Keine Sorge Herr Bachsen. Sie haben ja an die richtigen Leute verkauft. Ihr Unternehmen stand doch auf schwankenden Füßen. Die Wege der Korruption hatten sich verändert. Ihnen fehlte der Zugriff auf die neuen mächtigen Leute. Die hatten wir.“

„Die hatten Sie? Sie waren mein Wettbewerber?“

„Nicht Wettbewerber. Meine Auftraggeber haben sie immer als Partner gesehen und daher wollten sie ihr Unternehmen rechtzeitig übernehmen, bevor alle Verbindungen wertlos waren.“

„Das ist ja ein Ding. Daher kamen dann die riesigen Aufträge.“

„So ist es. Allein hätten sie maximal noch zwei Jahre überlebt. Das Übernahmeangebot kam gerade rechtzeitig und es war großzügig.“

„Das stimmt. Es war rechtzeitig und fair.“

„Dann lassen sie uns anstoßen. Schließlich waren wir ja mal Partner. Bitte nenn mich Rolf.“

Herr Bachsen ist gerührt. Er ist zurück in der Welt, die er kannte. Lange sprechen sie über korrupten Beamte und Politiker und der Zauberer erfährt eine Menge nützlicher Namen. Herr Bachsen ist die reinste Fundgrube. Bei der Übernahme hätten sich seine Auftraggeber besser um ihn kümmern müssen. Aber das holt er jetzt nach.

 

Bei der dritten Flasche ist die Fließbach an der Reihe, die sich zu einem wahren Monster entwickelte, je länger sie über sie lästern.

„Eigentlich geht es doch wohl um privaten Zugang.“, aus Alfred, so heißt Herr Bachsen inzwischen auch bei Revolver Ede, spricht der Architekt. „Eure Wohnungen liegen ja übereinander am Ende des Ganges. Da kann man einen Durchbruch für eine Treppe oder einen Fahrstuhl machen. Unten ist die Feuerwehrzufahrt, also könnte man ohne großen Aufwand einen privaten, von niemanden einsehbaren Zugang schaffen.“

Der Vorschlag wird von der Pokerrunde umgehend angenommen. Schließlich gibt es nicht nur Damenbesuche, sondern auch Besuche verschwiegener Herren. Herr Bergholz wird informiert, Werner Schwarzheide stimmt ohne zögern zu, Alfred Bachsen lässt die Zeichnungen anfertigen und besorgt die Baugenehmigungen innerhalb eines Abendessens mit einem alten Freund aus den zuständigen Behörden. Der Zauberer kann es nicht lassen, einen kleinen Beitrag des Finanzamtes über Steueroptimierung zu organisieren, die Stahlbaufirma setzte den Auftrag auf höchste Priorität und zwei Monate später hat die Pokerrunde ihren verschwiegenen Eingang. Alfred Bachsen bekommt einen Schlüssel und verlegt seine Wohnung in den Flügel der Pokerrunde.

 

Es hätte alles so ehrlich und friedlich sein können, wenn es die Fließbach nicht gäbe. Sie hetzt, nörgelt und setzt über ihren Bekanntenkreis in der Stadt Gerüchte über unmoralische Vorgänge im Heim in die Welt.

Wieder ist es Alfred Bachsen, der eine interessante Information aus seinem Bekanntenkreis im Städtchen ausgrub. Die Fließbach hat eine Wahrsagerin in Frankfurt, die sie regelmäßig besucht.

 

Ihr Künstlername ist „Teufelsfreundin“, da sie sich von Luzifer in Besessenheit versetzten läßt und so von den teuflischen Plänen gegen ihre Klienten erfährt. Ihre Raserei kann auch in sexuelle Ausschweifungen übergehen, was für viele ihrer Kunden eine nicht hoch genug zu wertende Erfahrung ist. Sie gehört zur Sekte der Luziferianer und dementsprechend ist der mit purpurnem Samt ausgekleidete Beratungsraum mit Hexensprüchen, bunt verzierten Schädeln, einem versteinerten Penis, einer Baphometfigur mit großem weißem Bart und zwei roten Edelsteinaugen, sowie mehreren Ziegen- und Widderhörnern und dazu gehörenden Schwänzen ausgestattet.

Auf dem Namensschild an der Tür steht Cathérine Gilles-Rais. Ein Hinweis auf den Massenmörder Gilles de Raise und seiner Ehefrau Cathérine de Thouars, von denen die Wahrsagerin in einer langen Reihe von Hexen abstammt. Es gibt vier Möbelstücke im Raum. Einen runden Tisch mit zwei Stühlen, sowie einen weichen Diwan. Dieser wird von vier Göttern bewacht: Der phönizischen Astarte, der römischen Venus, der babylonischen Istar sowie einem Widder mit riesigem erigierten Penis. Alle Statuen wenden sich von der Scene auf dem Bett ab und bewachen so die Liebenden.

Den neuen Klienten empfängt Cathérine in ihrem Standard-Outfit: Wallende rotgoldene Gewänder, die einen tiefen Einblick in ihren perfekten 35 Jahre alten Busen erlauben. Endlose schwarze Locken rahmen ihr wildes Gesicht mit dunklen, sündigen Augen ein. Ihr grell roter Mund unterstreicht den leicht gebräunten Teint der Zigeunerin.

Sie bittet den gut gebauten Mann, sich zu setzen, und ist bereit für einen guten Teufelssex.

„Wie darf ich dich nennen?“

„Francesco.“

„Und was möchtest du wissen?“

Francesco hat schon die Pistole in der Hand, doch er beschließt, sie zuerst mal machen zu lassen. Die Coach im Zimmer kommt ihm zu verlockend vor.

„Meine Frau, sie will keinen Sex mehr. Sie wehrt sich, sie behauptet in mir stecke der Teufel. Ich will wissen, ob das noch mal in Ordnung kommt.“

„Das können wir klären. Entspann dich.“

Sie nimmt sanft seine Hände, sie spürt keinen Ehering und auch keine Rillen die noch lange bleiben, wenn man den Ring abzieht. „Der Kerl lügt.“, ist sie sich sicher.

Mit dem Fuß schaltet sie die Räucheranlage ein. Er bekommt eine starke Dusche Kokain, versetzt mit Aphrodisiakum. Die Wirkung tritt sofort ein und ohne zu zögern, zieht sie ihn auf den Diwan. Er ist fast wehrlos und sie bedient sich seiner Stärke. Als die Wirkung des Kokains nachlässt vereinigen sie sich noch einmal und jeder bekommt seine Wünsche erfüllt.

„Meine liebe Beutelschneiderin, du hast dich sehr zu deinem Vorteil verändert.“

Mit einem Satz springt Cathérine vom Diwan und greift zur Pistole, die sie vorsichtshalber ihrem Gast abgenommen hatte. „Beutelschneider“, so hieß sie mit elf Jahren, als sie mit Taschendieben aus ihrer Heimat zusammen arbeiten mußte. Sie diente als Ablenkerin, indem sie einen Anfall vorspielte, bei dem die Leute fasziniert und hilflos zuschauten.

„Woher kennst du diesen Namen?“, drohend richtet sie die Pistole auf den Kunden und entsichert sie.

„Ich denke, du bist eine Wahrsagerin, dann müßtest du das doch wissen.“

„Du bist nicht verheiratet.“ „Richtig“

„Du bist ein Gangster und kein Polizist.“ „Richtig“

„Willst du was von mir oder von einem Kunden.“

„Von dir für einen deiner Kunden. Und du kannst dich nicht an mich erinnern? Weißt du noch, als du mit vierzehn die Männer bedienen musstest? Erinnerst du dich noch an die Schießerei hintern Bahnhof?“

„Du warst dabei?“

„Ich war einer von ihnen. Ich hab dich dann ins Passion gebracht, damit du eine gute Ausbildung bekommst. Du warst zu schön, um als Drogenhure zu enden. Und später habe ich dann von deiner steilen Laufbahn als Hostess gehört.“

Cathérine nickt nur und schweigt.

„Geht es dir gut? Hat sich mein Einsatz bei deiner Rettung gelohnt. Die Streifwunde an den Rippen hast du ja sicherlich bemerkt. War es das wert? Laufen deine Geschäfte gut?“

„Danke mir geht es gut.“

Cathérine setzt sich wieder auf den Diwan und unbewusst streichelt sie seine Narbe, eine Narbe, der sie ihre Freiheit verdankte.

„Was soll ich für dich tun?“

Francesco erklärt es ihr. Er bezahlt sie fürstlich und sie bedankte sich mit einem verliebten Kuss. Sie treffen sich darauf öfter, und immer öfter.

 

Cathérine mochte den Kotzbrocken Fliesbach nicht. Und so bereitet sie ein spezielles Getränk vor, das sie von ihrer Mutter gelernt hatte, die eine wirkliche Hexe war.

Als die Fliesbach bei der nächsten Sitzung auf dem Stuhl sitz, bekommt sie eine teuflisch stinkende Mischung von Drogen in die Nase. Entsetzt blickt sie auf die Teufelsfreundin, die sich mit Schaum vor dem Mund ihr gegenüber in geilen Posen rekelt.

„Oh, nimm mich Geliebter. Oh, Satan ich gehöre nur dir. Nimm auch meine Freundin hier.“

Die Wahrsagerin führt die Fliesbach zum Diwan, flößt ihr ein bitteres Getränk ein.

„Trink, du Geliebte des Satans. Satan wird dir den rechten Weg zeigen.“

Die Fliesbach versinkt in grausame Halluzinationen. Der Teufel verlangt nach ihr.

„Ich werde dich aus der Residenz in mein Reich holen. In der Residenz wirst du sterben, dann gehörst du ganz mir. Stirb und werde glücklich in meinem Reich auf Ewigkeit. Warte in der Residenz auf mich. Ich werd dich holen meine Geliebte.“

Immer wieder dröhnen die Worte, sie gleitet in die Hölle, ihr Körper verbrennt, Durst quält sie, die Dämonen füllen ihre Gedanken mit Angst. Es dauert Stunden, bis ihre Qualen enden. Völlig erschöpft lässt sie sich in ein Hotel bringen. Sie wurde nie wieder in der Residenz gesehen, denn dort wartete der Tod auf sie.

 

Cathérine bekommt 500.000 Euro von der Fliesbach für das Versprechen, beim Teufel ein gutes Wort für sie einzulegen. In mehreren Sitzungen erlebt die Fliesbach, wie der Teufel nach und nach von ihr ablässt. Die Sitzungen kosten nochmals 600.000 Euro. Mit dem Teufel zu verhandeln kostet nach allem menschlichen Ermessen einen hohen Preis.

 

Melinda Fließbach Auszug spricht sich schnell rum. Die Residenz atmet auf, der Park blüht prächtiger denn je.

 

6. Liebe

 

„Also, ich habe mir deinen Jo jetzt ja schon längere Zeit während den Verhandlungen zur Reorganisation der Firma angesehen.“, eröffnet Gesine Ofenholz das Frühstücksgespräch. „Hubert, du kannst auf deinen Sohn stolz sein. Ich habe entschieden, er darf meine Marion heiraten. Die gehören zusammen.“

„Heiraten?“, verblüfft bleibt der Löffel mit dem Frühstücksei in der Luft hängen. Hubertus fasst nach „Heiraten, warum denn?“

„Weil das das Richtige ist.“

Hubertus sagt nichts und steckt sich das Ei in den Mund, dazu ein Stücken Brot mit Butter.

„Ich hab mal meinen Terminkalender mitgebracht. Wir müssen ein Treffen mit den Beiden arrangieren.“ Gesine legt den Kalender auf den Tisch und Hubertus staunt, fast jeder Tag war belegt.

„Du hast aber viele Termine!“

„Drei Kinder, vier Ehefrauen, sechs Enkel plus Ehefrauen und zehn Urenkel. Da kommen schon einige Geburtstage zusammen. Und dann besuchen sie mich auch mehrmals im Jahr. Hast du eine Idee, wie wir die beiden zusammenkriegen?“

„Keine Ahnung, wie soll das gehen.“ Hubertus konnte zaubern, wenn es um Geld und Geschäfte ging, aber kuppeln?

„Welche Hobbys hat Jo? Welchen Sport mag er? Was tut er in seiner Freizeit.“

Hubertus erkennt Gesine nicht wieder. Sie ist entschlossen, systematisch und ihre Stimme zeigt Durchsetzungswillen. Wenn es um die Familie geht, scheint Gesine nicht die liebe Oma zu sein, sondern eine willensstarke Herrscherin. Jetzt versteht er auch ihren Mann. Gesine war die ideale Partnerin für ihn. Sie kann die Familie perfekt allein managen.

„Er läuft Ski.“ „Marion auch, aber jetzt ist Sommer.“

„Er geht ins Fitnessstudio.“ „

„Ungeeignet, da können wir nicht mitgehen. Geht er gerne Essen?“

„Nicht wirklich. Er muss ständig mit Kunden essen. Drei Sterne Lokale langweilen ihn inzwischen.“

„Welche Musik mag er?“

„Er würde gerne mal Wagner in Bayreuth hören.“

„Wagner, das ist es. Marion liebt Wagner. Hubertus du besorgst vier Karten.“

„Aber das ist doch schon in vierzehn Tagen. Da gibt es keine Karten mehr.“

Gesine sieht ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.

„Komm, kneif jetzt nicht. Es geht um das Glück unserer Kinder. Also, ich muss los. Bekomme gleich von Hans mit seinen beiden Kleinen Besuch. Die sind wirklich süß.“

Und damit ist sie verschwunden und lässt Hubertus verblüfft zurück. „Vier Karten für Bayreuth? Wie sollte er das hinkriegen. Er hatte sich für Bayreuth niemals interessiert.“

 

Dr. Dr. Hubertus von Menscheck, alias Dr. Rolf Schneider, alias der Zauberer zaubert und die Karten für „Der fliegende Holländer“ liegen nach fünf Tagen in der Post. Karten am Samstag, und da gibt es keine Ausreden für Jo und Marion.

Allerdings hatte das nichts mit Zauberei zu tun. Glücklicherweise verzichtete der Staatspräsident von Umbago mit seinen drei Frauen auf den Besuch der Oper, weil einige Kugeln in sein Schlafzimmer geflogen kamen und der Geheimdienst daraufhin erklärte, Seine Hoheit wären in Bayreuth doch sehr gefährdet. Der Staatspräsident fluchte auf die verdammten Rebellen in seinem Land. Er verdammte die Mafia, die sie finanzierte und ihnen die modernsten Waffen beschaffte. Er beschloss, sich stattdessen mit einigen weißen Frauen zu vergnügen. Diesen Wagner kannte er sowieso nicht.

 

Mit einem luxuriösen Reisebus holt Francesco Gesine und Hubertus in der Residenz ab, und sie fahren dann nach Frankfurt zu Marion und Jo.

„Wieso holen die beiden nicht uns ab.“, fragt Hubertus. „Wieso müssen wir in Frankfurt rumkutschieren.“

„Aber Hubertus, das verstehst du nicht. Wir können die beiden doch nicht alleine lassen. Was da alles passieren könnte! Die ersten Stunden sind von entscheidender Bedeutung.“

„Liebe Gesine, du hast recht. Davon verstehe ich nichts. Ich lege meinen Sohn in deine Hände.“

„Da ist er gut aufgehoben.“, für Gesine ist das das Verständlichste der Welt.

Die Zeit auf der Fahrt geht schnell, Gesine erzählt von Kindern und Enkelkindern und wie sie alles zusammenhält. Hubertus ist überrascht, dass ihn das interessiert. Als er seine Kinder erziehen musste, vor allem Jo, den er alleine großzog, stand das geschäftliche so im Vordergrund, dass die Kinder nebenherliefen. Immer mehr wird ihm bewusst, dass er da etwas versäumt hatte.

„Wenn ich dich so höre, kann ich ja froh sein, dass aus Jo was geworden ist.“

„Das solltest du auch. Aber eine echte Verbindung zu Frauen aufzunehmen, das hat er nicht gelernt. Genau wie meine Marion.“, säufst Gesine. „Das bringen wir jetzt in Ordnung.“

Jo steigt als Erster zu und ist erfreut Gesine zu sehen. Seinen Vater begrüßt er wie einen alten Kumpel. Marion steht schon am Bürgersteig bereit und Jo mustert sie beim Einsteigen. „Was für ein Geschoß!“, denkt er „Groß, schlank, perfekte Figur. Mit wem die wohl ins Bett geht? Blonde Haare, langen Beine, halbhohe Schuhe zu engen Jeans, sportlich, sie gefällt mir.“ Marion schmatzt Gesine ab, nennt sie liebevoll Oma und ist glücklich. Hubertus begrüßt sie mit Respekt und für Jo fällt ein Hallo ab.

Gesine stellt die beiden einander vor: Marion, Dr. der Medizin, Fachärztin für Allergien, sie habilitiert gerade. Und das ist Jo, von dem ich dir erzählt habe, Prof. Dr. der Betriebswirtschaft und Politik, Spezialist für Finanzen. Elegant hat Gisela das du zwischen den beiden eingeführt und die Gleichberechtigung deutlich gemacht. Obwohl Jo und Marion die Vorstellung etwas peinlich ist, wissen sie jetzt, mit wem sie es zu tun haben. Es ist nicht nötig, Distanz zu waren.

Gisela übernimmt bis Bayreuth das Reden. Sie erzählt von Marion, der einige Anekdoten peinlich sind. Genau beobachtet Gesine wie Jo über die Geschichten schmunzelnd. Hubertus fragt Jo nach einigen geschäftlichen Transaktionen und so erfährt Marion, wer ihr Begleiter ist. Gesine nickt Hubertus verstohlen zu, „ Gut gemacht.“ Dann wird Gesine deutlich.

„Jo, du bist doch nicht verheiratet, oder. Marion auch nicht.“

„Aber Oma, was hast du vor?“

„ Na was denn wohl, eure Generation Y ist doch unfähig, mal ein richtiges Date zu verabreden.“

„Da haben sie recht, gnädige Frau. Es ist wirklich schwierig.“

„Lass das mal mit der ‚gnädigen Frau‘. Ich bin ab jetzt Gesine für dich. Bitte Küsschen auf die linke Wange.“

Jo beugt sich vor und küsst Gesine wie befohlen, beim Zurücklehnen küsst er Marion und murmelt „Ich heiße Jo.“

„Marion.“, und küßt ihn zurück, ganz coole Großstädterin.

„Ich heiße Hubertus, ich will auch ein Küsschen von dir Marion.“

Also Küsschen rechts links. Jo sieht Marion verzeihend an.

„Tut mir leid, aber das ist so über mich gekommen.“

„Ist schon in Ordnung. Gegen Oma gibt es keine Gegenwehr. Sie löst bei allen Menschen solche Gefühle aus.“

„Das gefällt mir. In meinem Umfeld ist das nicht gerade üblich. Da zählt nur wer gerade mit wem.“, Jo lächelt Marion an.

„Kenn ich.“

Gesine wechselt das Thema. Wagner steht an. Volltreffer! Jo und Marion haben ein gemeinsames Thema, über das sie sich begeistert austauschen. Es folgt eine intensive Diskussion über klassische Musik, die bis Bayreuth anhält. Als Gesine allein mit Hubertus im Fahrstuhl steht, sagt sie:

„Das lief nicht schlecht.“

„Ich dachte, es lief super. Wußte gar nicht, dass Jo intensiv mit klassischer Musik lebt.“

„Du solltest mal was anderes machen, als nur mit Jo zu pokern. Die beiden haben sich noch nicht geöffnet. Die sind vielleicht abgehärtet gegen jede Gefühle, das ist schwer mit anzusehen! Da lieben beide Musik und reden darüber, wie in einem Wettkampf. Dieses verdammte Schicki-Micke Verhalten.“

„Das was?“

„Schicki-Micki, Angeben auf Geschwätzniveau, bloß nicht persönlich werden, bloß keine Schwächen zeigen. Aber das werde ich denen schon abgewöhnen. Du wirst sehen.“

Die aufgehende Fahrstuhltür erspart Hubertus eine Antwort. Giselas Sichtweise ist ihm unbekannt, er kennt ja nur den üblichen Smalltalk zwischen den Verhandlungen. Und da war Persönliches nicht angesagt.

Sie erreichen rechtzeitig die Festspielhalle, suchen nach bekannten Gesichtern. Jo begrüßt einen Kunden, kommt aber schnell wieder zurück. Hubertus mit seinen weißen Haaren wird nicht wiedererkannt, obwohl einige der ihm bekannten Politiker anwesend sind. Gisela kennt niemanden. Sie trägt wieder Bulgari und findet damit die Aufmerksamkeit anderer Damen. Man erkundigt sich, wer die Frau denn sei. Eine gewisse Frau Meierhof aus Frankfurt outet sie als Milliardärin, worauf die Vier mehr Abstand zu den Konzertbesuchen bekommen und das Gedränge erträglich wird..

Am nächsten Morgen beim Frühstück ist die Stimmung gut. Die Gespräche laufen flüssig im gegenseitigen Respekt, wie Gisela später wohlwollend zu Hubertus bemerkt.

„Das ist wichtig, die Beiden liegen soweit über dem Durchschnitt, dass sie die Normalen nur langweilen. Hoffentlich tauschen sie bald die Telefonnummern aus.“

Kurz vor der Ankunft in Frankfurt werden die Telefonnummern getauscht. Gesine lächelt zufrieden, sie hat ihr Etappenziel erreicht.

 

Leider läuft es danach nicht so gut. Die beiden finden zwar zwei Termine zum gemeinsamen Dinner, aber nicht zueinander.

„Da muss was geschehen.“, meint Gesine resolut. „Haben die beiden nicht gesagt, sie spielen Poker?“

„Kann mich nicht erinnern.“, Hubert fragt sich, was Pokern mit den Beiden zu tun hat. „Jo spielt miserabel. Wenn der mal spielsüchtig wird, ist er in drei Tagen pleite.“

„Egal, du lädst die Beiden zu deiner Pokerrunde ein!“

Hubertus säufst, auch das noch. Aber er kann nicht gegen Gesine argumentieren. Außerdem sind sie bei der nächsten Pokerrunde nur zu dritt, zu fünft wäre schon besser. Uns so kommt es dann. Ede und Stockfisch sind erfreut die beiden zu sehen, besonders Marion findet ihren Beifall. Schöne Frauen, auch wenn sie intelligent sind, finden immer ihre Bewunderung.

Jo spielt miserabel, Marion spielt hervorragend und ist eine echte Bereicherung für die Runde. Stockfisch will den Einsatz etwas erhöhen, aber Hubertus lehnt ab.

„Unsere Frau Dr. verdient leider nicht genug.“

„Stimmt, ich will gewinnen, um das Geld geht es mir nicht.“

„Ich will auch gewinnen.“, meldet sich Jo. Erstaunt blicken sie ihn an.

„Du willst gewinnen? So wie du spielst?“, Marion legt beruhigend ihre Hand auf Jo‘s Arm. Lächelnd blickt Jo sie an.

„Du wirst schon sehen!“

Und tatsächlich, Jo beginnt konzentriert zu spielen. Seine Verluste werden etwas kleiner, nicht so viel, wie er sich wünscht, um nicht als Loser dazu stehen, aber immerhin. Am Schluss des Abends lädt Stockfisch die beiden ein, doch öfter mal vorbeizukommen, was diese zusichern.

„Das war super.“, sagt Gesine am nächsten Tag beim Frühstück mit Hubertus.

„Jo will Marion beeindrucken.“

„Meinst du? Aber wie soll Pokern ihnen helfen sich zu verlieben.“

„Nicht Pokern. Jo will nicht als Depp dastehen, er will Marion beeindrucken. Das ist ein gutes Zeichen.“

„Wenn du meinst.“, murmelt Hubertus. „Jedenfalls haben die beiden keine feindschaftlichen Gefühle gegeneinander, wenn einer gegen den anderen verliert.“

„Siehst du, es läuft gut.“

 

Das nächste Treffen mit Marion ist für Gesine ein Schock.

„Ich habe Jo getroffen, er war mit seiner Freundin Astrid auf der Vernissage bei Blumenroth.“, erzählt Marion ganz beiläufig. “Jo ist ja ganz nett, aber Astrid ist eine arrogante Kuh. Bankerin oder so was Ähnliches. Ferdi fand sie auch scheußlich.“

„Jo hat eine Freundin, das wußte ich nicht. Und sie ist nicht nett? Ist das was Ernstes?“

„Aber Oma, woher soll ich das wissen. Wir haben nur kurz miteinander gesprochen. Astrid wollte ein Bild kaufen. Die hat keine Ahnung von Kunst und kauft nur teuer.“

„Und wer ist Ferdi?“

„Mein Freund.“, Marion weiß, was jetzt kommt und geht proaktiv vor. „Schon seit sechs Monaten, wir verstehen uns gut. Er ist nett.“

„So, so, nett! Was macht er denn?“

„Er ist zärtlich und rücksichtsvoll. Er schreibt an seiner Habilitation über sumerische Waffentechnik.“

„Und damit kann man Geld verdienen?“

Marion wird rot. „Das nicht, er braucht noch einige Jahre Unterstützung.“

„Wie alt ist er denn?“

„So alt wie ich.“

„Ist er gut im Bett.“

„Aber Oma.“

„Ist er gut im Bett.“

„Na ja, es geht. Wir machen es nicht so oft. Wir leben ja nicht zusammen.“

Gesine lächelt zufrieden. Bleibt noch Astrid. Gleich morgen muss sie mit Hubertus reden.

 

„Hubertus, Jo hat eine Freundin. Weißt du davon?“

„Keine Ahnung. Wer ist sie?“

„Weiß ich auch nicht. Hubertus, du musst dich erkundigen. Wir müssen sie kaltstellen.“

„Du willst sie umbringen?“, Hubertus ist amüsiert. Gesine erspart sich eine passende Antwort, dafür ist die Sache zu ernst.

Drei Tage später hat Hubertus die gewünschten Informationen.

„Sie ist Traderin bei einem Hedgefond. Macht jede Menge Kohle mit ganz heißen Deals. Die Beiden sind ungefähr ein halbes Jahr zusammen. Sie gelten als perfektes Paar im Frankfurter Bankenklüngel. Er liebt sie nicht. Hat sich so ergeben, wie Jo sagt. Gut für den Abbau der Triebe.“

„Gut, also nichts Ernstes. Nichts, was sich nicht korrigieren lässt. Ich überlege mir was.“, Gesine steht auf und geht zum Nachdenken in den Park, ohne Frühstück. Ihr hat es den Appetit verschlagen.

 

Einige Tage später sitzt Hubertus beim Frühstück und ist im Finanzteil des Handelsblatts vertieft. Ein Knall lässt in aufblicken. Gesine steht vor ihm und hat einen Stapel Prospekte auf den Tisch gefeuert.

„Wir machen eine Kreuzfahrt. Ab Hamburg, mit der Queen Mary 2, davon habe ich schon immer geträumt. Nordlandtour, da ist es nicht so heiß. Vierzehn Tage, dann müssen sie heiraten.“

„Zwei Wochen, heiraten!“, wiederholt Hubertus.

„Genau.“, Gesine hatte schon alles ausgearbeitet. „Wir nehmen vier Suiten. Da können sie sich gegenseitig besuchen, ohne dass wir es bemerken. Einzeltisch zum Abendessen im Princess Grill Restaurant, keine Störung durch andere Gäste, wir sind nicht an feste Essenszeiten gebunden.“

Hubertus nickt nur. Er wagt es nicht, nach dem Preis zu fragen.

„Vier Suiten.“, denkt er. „Aber das ist ja wohl nicht vermeidbar. Wir können die beiden ja nicht sofort ins gleiche Bett legen.“

„Hast du schon geklärt, ob Marion Urlaub bekommt.“, fragt er, in der Hoffnung, dass der Kelch an ihm vorbei ginge.

„Noch nicht, aber das bekomme ich schon hin. Kläre du das mit Jo.“

Jo bekommt sofort bezahlten Urlaub, schließlich ist es für ihn so etwas wie eine Geschäftsreise mit einer wichtigen Klientin. Bei Marion liegt der Fall anders, ihr Vorgesetzter sträubt sich. Er behauptet, ein Teilprojekt befinde sich in einer kritischen Phase. Durch eine kleine Spende von Gisela löst sich das Teilprojekt in Luft auf. Marion bekommt Sonderurlaub.

 

Francesco bringt sie mit dem Luxusvan nach Hamburg. Gleich nach der Abfahrt gibt es ein Gläschen Champagner und die Stimmung wird locker. Für Gisela wird ein Traum war. Hubertus fügt sich in das Unabänderliche. Jo und Marion sind froh, für einige Tage aus dem Arbeitsstress zu entfliehen. Beide haben sich Bücher mitgenommen, und tauschen sich über ihre Interessensgebiete aus. Zum Erstaunen von Jo hat Marion seichte Literatur, fast kitschige Liebesromane ausgewählt.

„Die entspannen mich.“, verteidigt sie sich.

„Sollte ich vielleicht auch probieren. Immer nur Finanzen und Steuern ist auf die Dauer nicht besonders abwechselungsreich. Auf dem Schiff soll es ja eine große Bibliothek geben. Mal sehen, was ich da finde.“

„Das heißt nicht Schiff, das ist die Queen Mary.“, prostet Gisela ihnen zu.

„Auf die Queen Mary!“

 

Das Einschiffen in Hamburg läuft bequem ab. Die beigen Suiten sind gemütlich. Eine kurze Schiffbesichtigung zeigt den versprochenen gediegenen, luxuriösen Standard. So sind alle zufrieden, als sie zum Dinner einen Fensterplatz zugewiesen bekommen. Die Auswahl im Menü lässt Marion aufstöhnen.

„Ich werde zwei Kilo zunehmen.“

„Mindestens. Habt ihr den Fitnessraum gesehen, da gehe ich morgen als erstes hin?“

„Hab ich, aber der ist klein.“, Marion schaut sich die anderen Gäste an. „Vermutlich gehen da nicht viele hin. Die Leute hier sehen eher nach Spa aus.“

 

Nach dem Essen sehen sie sich die Show an. Danach verabschieden sich Hubertus und Gisela. Jo und Marion wollen zum Tanzen in der Bar. Sei tanzen langsam und eng. Beide sind sich unsicher, wie es weiter gehen soll. Ihre Körper haben schon längst entschieden, aber sollen sie wirklich ein Verhältnis anfangen. Praktisch fremd gehen, denn sie wissen ja vom Partner des anderen.

Sie stehen beieinander an der Bar und schweigen verlegen. Neben ihnen säuft eine Gruppe von fünf stinksauren Skilehrer aus Amerika. Sie hatten auf reiche Witwen zum Heiraten gehofft. Aber es gab keine, sie hatten am Nachmittag die Passagiere gescannt und keine möglichen Opfer gefunden. Aus Frust begannen sie Marion mit sexuellem Gerede zu nerven. Beim Tanzen wird einer der Männer unter Gelächter gegen Marion gestoßen, die sich wütend umdreht.

„Dam Bastard.“, brüllt sie ihn an. „Fuck you.“

„Fucking Count.“, kommt es zurück mit einer Ohrfeige. Die Fünf lachen sich kaputt. „German bitch. Nazi.“

Marion geht in Verteidigungsstellung und tritt ihrem Angreifer in die Eier. Ein zweiter Tritt und er geht schreiend zu Boden. Jetzt greifen die übrigen vier an. Für Jo sind sie eine leichte Beute, so besoffen wie sie sind. Die Bedienung der Bar kommt ihnen zu Hilfe und sie verlassen ohne zu bezahlen den Raum.

 

Im Fahrstuhl sehen sie sich an.

„Endlich ein richtiger Mann, der mich beschützen kann.“, denkt Marion und küsst Jo. Der Weg zum Schlafzimmer kommt ihnen ewig vor. Sie reißen sich die Kleidung vom Leib.

„Wie im Kino.“, kommentiert Marion und versinkt in eine nie gekannten Leidenschaft. Sie brauchen lange, bis sie einschlafen. Am nächsten Tag erscheinen sie nicht zum Frühstück.

 

Auch beim Lunch scheinen Gisela und Hubertus allein zu bleiben. Gisela lächelt selig.

„Du meinst ...“, Hubertus stockt.

„Natürlich, sie haben sich gefunden. Sonst wären sie längst hier. Marion hat immer Hunger. Die treibens miteinander.“

„Gisela, wie sprichst du denn!“, lächelt Hubertus sie fröhlich an.

„Na, wie schon. Es hat geklappt. Ich habe Hunger.“

 

Verlegen setzen sich Jo und Marion zu ihnen an den Tisch.

„Wir haben verschlafen.“, entschuldigt sich Jo.

„Wir?“, Hubertus kann die kleine Stichelei nicht lassen und erntet von Gisela hochgezogene Augenbrauen.

„Wir, ist schon richtig.“, Marion lacht Gisela an. „Das wolltest du doch Oma, oder?“

„Nehmt die Spargelcremesuppe.“, antwortet Gisela und das Thema war durch.

Die nächsten Tage verliefen harmonisch. Von den beiden Verliebten war nicht viel zu sehen.

 

In Trondheim bleibt Gisela an Bord, um sich auszuruhen. Hubertus und das verliebte Pärchen besichtigen die Stadt mit dem Stiftsgarden und laufen lange durch die schmalen Gassen am Hafen. Hubertus geniest aus vollen Zügen das späte Glück seines Sohnes. Er hatte nicht erwartet, dass Jo noch eine passende Frau finden würde. Rechtschaffen müde sitzen sie abends beim Dinner zusammen, nur Gisela plaudert munter davon, welches Glück doch Kinder im Leben der Eltern bedeuten. Jo und Marion sehen sich an, das Einverständnis ließ sie leicht erröten.

„Sag Jo, magst du Kinder?“, Gisela ist nicht zu stoppen.

„Aber sicher mag Jo Kinder.“, mit diesen Worten erscheint Astrid aus dem Nichts und zieht sich einen Stuhl an den Tisch. Astrid ist kein Geist, sie ist real und sie ist unwillkommen. Siegessicher musterte sie die Runde.

„Jo und ich werden heiraten. Ich erwarte ein Kind. Nicht wahr Jo, so hatten wir es verabredet.“

Gisela treten Tränen in die Augen, Hubertus Augen werden zu Eis, die von Jo rot vor Wut und Marion wendet sich schreckensbleich ab.

„Ich gehe auf mein Zimmer.“, flüstert Marion.

„Ich begleite dich.“, Gisela erhebt sich.

„Ich habe Hunger.“ Astrid setzt sich auf den Platz von Marion.

„Jo, wußtest du das?“, fragt Hubertus.

„Weis er nicht.“, Astrid blickt Hubertus herausfordernd an. „Ich wollte es ihm sofort sagen, deshalb bin ich in Trondheim zugestiegen. Wir sind ja so glücklich, wie lange haben wir darauf gewartet. Nicht wahr Liebling?“

„Was soll das? Wir haben nie darüber gesprochen. Du nimmst doch immer die Pille.“

„Ach, ich habe sie weggelassen. Bei der ganzen Aufregung in der Firma. Ich werde jetzt Mutter. Wir sollten sofort nach der Ankunft in Hamburg heiraten.“

Zärtlich greift Astrid nach Jos Hand, der sie widerwillig abschüttelt. Astrid scheint es nicht zu bemerken.

„Ich bin in deiner Suite, Jo. Sprich ruhig mit deinem Vater. Ich warte auf dich mein Liebling, mein Ehemann. Wir sehen uns dann morgen beim Frühstück.“, wendet sie sich an Hubertus.

Der starrt auf Astrid, wie sie sich siegessicher entfernt. Beim Anblick seines Vaters läuft Jo ein Schauer über den Rücken. So hatte er seinen Vater noch nie gesehen. Hier sitzt ein Fremder vor ihm, der eine gnadenlose Kälte abstrahlt, die noch am Nebentisch die Gespräche verstummen lässt.

„Ich muss zu Marion.“, Jo steht auf und Hubertus bleibt mit hasserfüllten Gedanken zurück.

 

Aus sicherer Entfernung sieht Astrid ihrem Geleibten nach. Automatisch wählt sie eine Nummer auf ihrem Handy.

„Cheri, ich bin‘s, du liegst richtig. Jos Vater muss sehr reich sein. Die haben hier vier Suiten gebucht. Der läuft mir nicht weg.“

Astrid spricht zu laut, der Kellner hört mit. Er lässt sich kurz vertreten und geht direkt zum Tisch von Hubertus, um zu berichten. Das Trinkgeld ist fürstlich.

 

Jo kopft an die Tür von Marion und wird von Gisela eingelassen. Marion weint. Doch Jo kennt die tröstenden Worte. Zufrieden lächelnd hört Gesine sie noch, bevor sie sich leise entfernt.

„Ich werde Astrid niemals heiraten.“

„Und ich werde niemals Ferdi heiraten.“

In dieser Nacht besprechen sie ihre Zukunft. Es gibt keine Zweifel.

„Lass uns zum Juwelier gehen und uns die Ringe holen, die uns gestern so gut gefallen haben.“, schlägt Jo vor, Marion nickt und endlich können sie einschlafen.

So erscheinen die Beiden am nächsten Tag zum Frühstück mit goldenen Eheringen an den Fingern. Hubertus scheint es nicht zu bemerken.

„Ich bin nicht überrascht.“, er hatte es doch sofort bemerkt. „Ich werde Gisela abholen. Sie wird sich gleich viel besser fühlen.“

Er kommt mit einer strahlenden Gisela zurück. Sie herzt Jo, gibt Marion einen Riesenschmatzer.

„Also als Hochzeitstermin schlage ich den Oktober vor ...“, Gisela hat das Wort und keiner widerspricht ihr.

Am Eingang zum Princess Grill Restaurant gibt es eine kurze, laute Diskussion, als eine Frau Einlass begehrt, die zu dieser exklusiven Personengruppe keinen Zutritt hat. Das Trinkgeld des Kellners wird immer größer.

 

Noch am gleichen Tag führt Dr. Dr. Hubertus von Menscheck ein kurzes Gespräch mit seinem alten Freund Peter Holborro, CEO des Hedgefonds Clearing Future in New Yorker. Sie sprechen über erfolgreiche Transaktionen und die guten alten Zeiten. Beiläufig erwähnt Hubertus eine tüchtige junge Frau namens Astrid.

„Interessant, hast du ihre Kontaktdaten?“, fragt Peter. Hubertus hat und gibt sie durch.

„Es wäre gut, wenn sie nie wieder hier in Frankfurt auftauchen würde!“

„Habe verstanden.“, Peter ist froh, etwas für Hubertus tun zu können, er verdankt ihm seinen Posten. Kurz danach beenden sie ihr Gespräch.

Astrid bekommt überraschend ein Jobangebot aus New York, welches sie nicht ablehnen kann. Ihre Belästigungen von Jo hören sofort auf. Er erfährt niemals, ob sie schwanger war oder nicht. Sie tritt die Stelle an und wurde niemals wieder in Frankfurt gesehen. Denn nach drei Monaten werden ihr betrügerische Handlungen auf Basis von Insiderwissen nachgewiesen und sie verbrachte einige Jahre im Gefängnis. Von einem unbekannten Gönner erhält sie jedes Jahr zu Weihnachten eine Packung Anti-Baby-Pillen.

 

Als sie entlassen wird, ist bei Marion und Jo das zweite Kind unterwegs.

 

-.-

 

 

 



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© H.-R. Huly 05 / 2016