Muschelmord: Tod auf dem Jakobsweg



Polizist Pepe arbeitet in Pamplona. Er pfeift auf Hemingway, Heilige und Hostien. Doch dann führt ihn eine Spur auf den Jakobsweg. Als Pilger verkleidet ermittelt er im Milieu der Kerkelinge und Kirchengänger. Der neue Krimi von Tobias Büscher ist nach Recherchen in Dominikaner-Klöstern, Leichenhallen und düsteren Bodegas nun auf dem Markt: als E-Book und als Taschenbuch auf Deutsch und Spanisch, siehe unten.
Eine Tote in Düsseldorf, ein Erhängter im Kirchentor einer Jakobsruine, ein Drama an der Todesküste nahe Santiago in Galicien und dann auch noch ein Mord beim Stiertreiben in Pamplona. Kommissar Pepe Segura hat es nicht leicht. Als Ermittler läuft er den Jakobsweg als einziger vollkommen unfreiwillig. Und stößt schon bald auf eine bunt zusammengewürfelte Gruppe, in der jeder der Mörder sein könnte.




Kapitel 1

In der Polizeihauptwache von Pamplona war es an diesem Julivormittag merkwürdig still, trotz der Stierkampfsaison, trotz des alljährlichen Ausnahmezustands während der Sanfermines. Nur in einem Nebenzimmer redete ein Pilger mit heller Stimme auf einen spanischen Beamten ein:

"Señor Kommissar, das können Sie sich nicht vorstellen. Horst, Helmut Horst heiße ich, aus Paderborn. Ich laufe vorhin am Jakobsweg entlang, so um 7 Uhr 30, ich laufe immer früh los, wegen der Mittagshitze. Also, da hält plötzlich neben mir ein Seat Ibiza, blaumetallic, und der junge Fahrer lehnt sich aus dem Fenster und fragt in gebrochenem Deutsch, ob er mich ein Stück mitnehmen kann.
Das müssen Sie sich mal vorstellen: Autostop auf einem Pilgerweg! Ich sage ihm, das geht nicht. Da fragt der, wo ich hin will, und als ich Santiago de Compostela sage, brüllt der: Zu Fuß? Hombre, haben Sie eine Ahnung, wie weit das ist? Kommen Sie, ich nehme Sie ein Stück mit.
Ich habe erklärt, das geht nicht, und dann wurde der junge Mann richtig aufbrausend. Sie mögen mein Auto nicht? fragte der scharf. Herr Kommissar, der brüllte richtig: Sie kommen in mein Land und beleidigen mein Auto, meine Hilfsbereitschaft, meine Gastfreundschaft? Dann ist der ausgestiegen und hat meinen Pilgerstab zerbrochen, einfach so. Der hat ihn übers Knie gelegt und ins Gebüsch geworfen und mich Idiota genannt, Herr Kommissar! Ihr Kollege hat gesagt, Sie sind in Dortmund aufgewachsen, als Gastarbeiterkind, vor ihrer Karriere hier. Sie wissen ja, Idiota ist zwar spanisch, aber auf deutsch klingt das ganz ähnlich. Und dann ist der einfach weitergefahren. Hier ist seine Autonummer, habe ich aufgeschrieben, zeigen Sie den an, den Lump, diesen schrecklichen!"

Lange guckte Kommissar Pepe Segura den Mann mit der Jakobsmuschel regungslos an. Er war müde. Alles an ihm war bleiern schwer, sein Kopf dröhnte.
Es war wieder eine schreckliche Nacht gewesen. Er hatte sich im Bett hin und her gewälzt, immer und immer wieder war er eingenickt und dann wieder vom Lärm auf der Straße wach geworden. Grauenhaft, wenn Ausländer bei drei Promille "olé" rufen. Oft hatte er sich überlegt, aufs Land zu ziehen, gerade dann, wenn in Pamplona Stiertreiben war. Da macht man kein Auge zu, auch nach fünf Gläsern JB-Whisky nicht. Auch nicht nach neun. Und jetzt dieser Mensch da vor ihm!
Segura pochte mit der linken Hand auf den Tisch und sah sein Gegenüber weiter an. Ihn ärgerte diese Treibjagd, die dieser Fiesta-Hemingway provoziert hatte. Doch den Pilgerkult, den fand er fast noch schlimmer. Dann gab sich der Kommissar einen Ruck und nahm das Protokoll auf. Einige der Kollegen waren im Einsatz, da half er aus. Er lobte den Pilger wegen der Autonummer und steckte das Schreiben in den Reißwolf, kaum war der wunderliche Wanderer aus der Tür heraus. Eine Anzeige wegen einem zerbrochenen Stock? Also bitte!

Kaltes Neonlicht erhellte das Zimmer im Präsidium. Der Deckenventilator surrte unrhythmisch und blechern. Ein paar Fliegen kletterten den Abfalleimer hinter dem Haupteingang hinauf. Segura griff zur Wasserflasche, setzte an und trank. Den Rest goss er in ein Glas, löste eine Aspirin auf und kippte den Inhalt herunter, bevor sich die Tablette aufgelöst hatte. Er verschluckte sich, hustete, lehnte sich in den braunen Schreibtischsessel, wippte eine Weile und beobachtete eine Fliege, die mit den Beinen nach oben unter seiner Schreibtischlampe lag und zuckte. Er nahm die Zeitung und schlug zu. Treffer! "Arturo", rief der Kommissar ins Nebenzimmer, "hast Du dem Pilger gesagt, dass ich mal in Dortmund war? Beim nächsten Mal mache ich mit Dir dasselbe wie mit der Fliege hier, willst du mal sehen?" Segura stand auf und reckte sich. Er hatte schnell Karriere gemacht, bevor er nach Pamplona kam. Sein Onkel hatte ihn in Burgos in den Polizeidienst gebracht, ein alter Guardia Civil mit einem Faible für deutsche Kultur. Onkel Carlos sammelte aus Leidenschaft Wagner-CDs. Jeder im Amt wusste, warum Segura so jung befördert worden war. Der Onkel war beim Opus Dei, in der Volkspartei Partido Popular und im Aufsichtsrat der Möbelfirma Muebles de Burgos. Das war in Kastilien so etwas wie die Heilige Dreifaltigkeit der Karriereleiter.
Segura kamen auch seine Deutschkenntnisse zugute. Er sprach exzellent. Und schon oft hatte er Fälle bekommen, in die Deutsche verwickelt waren. Den Spott der Kollegen ertrug er mit der Zeit besser. Gerade erst hatten sie über seinem Schreibtisch ein Pappschild aufgehängt. "Lieber Bulle in Dortmund als Stier in Pamplona". Auf dem Schreibtisch stand eine Dose Red Bull. Das Red war mit Filzstift durchgestrichen und durch Negro ersetzt.
Pepe Segura hatte breite Schultern, kurze Beine und ein sagenhaftes Gedächtnis. Er wusste noch, in welchem Jahr Lugo Segovia im Auswärtsspiel geschlagen hatte. Und das war verdammt lange her. Er wusste noch, wann der letzte Raubmord von einer Transe verübt worden war und wer im Großraum Navarra mit einer .45er made in Germany Selbstmord begang. Er konnte auch die Todesfälle beim Stierlauf nach Jahren gegliedert aufzählen. Ein Tick sicherlich, aber ein finanziell wertvoller, denn unter den Kollegen lief alljährlich eine makabres Spiel. Im Revier wurden Sanfermines-Wetten abgeschlossen, wie viele Tote und Verwundete es diesmal geben würde. Einsatz 50 Euro. Dem Gewinner waren bis zu 1000 Euro sicher. Segura war gut, er gewann oft. In diesem Jahr hatte er auf Null Tote und 30 Schwerverletzte gesetzt, der Tipp eines Profis. Und legte man die Ereignisse der letzten zwei Jahrzehnte zugrunde, war er realistisch.

Das Spiel im Präsidium war beliebt, denn die Beamten hassten diese anstrengenden Tage während des Stierlaufs: Angeheiterte Abenteurer, schaukelnde Junkies, klebrige Journalisten aus Florida und Madrid, leichte Diebstähle und demolierte Schaufenster. Wer konnte, nahm Urlaub. Der Kommissar ging ein paar Schritte auf und ab, reckte sich wieder und griff zur Zigarettenschachtel. Er hatte sich gerade eine Fortuna angesteckt, als Carmen anrief. Spontan war dem Kommissar klar: Er hatte die Wette verloren. Carmen, das war die Vollbusige von der Obduktion. Sie rief selten an, eigentlich nur bei Todesfällen. Er solle vorbeikommen, sofort.
"Bei Dir komme ich doch immer sofort", posaunte der Kommissar in einer Lautstärke in den Telefonhörer, dass es die gesamte Polizeiwache vernahm.
"Träum weiter, kleiner Mann", antwortete Carmen und fuhr fort:
"Der Tote ist schlanker als du, Segura, schade um ihn, ein echter Kerl. 23 Jahre, Amerikaner, sportlich und nicht so fett um die Hüften. Gerade eingeliefert worden. Der Mann ist beim Stierlauf ums Leben gekommen und hatte vor wenigen Stunden Geschlechtsverkehr. Na Segura? Neidisch? Und er redet auch nicht so viel wie Du! Die Blutuntersuchung läuft. Sollte man bei Dir auch mal machen, Herzchen."
"Carmen, armes Ding, Du bist in eine Leiche verliebt!", rief Segura und klatschte sich laut auf den rechten Schenkel. "Und was willst Du da von mir?"
"Dass Du herkommst, sofort! Es sieht alles nach Mord aus, nicht nach einem Unfall. Komm und guck Dir mal seinen Rücken an."
Vom Polizeirevier bis zur Obduktionshalle waren es kaum drei Minuten Fußweg. Segura nahm den Wagen. Er schaltete das Radio an und hörte die schnelle Stimme der Nachrichtensprecherin: "... beim traditionellen Stiertreiben in der nordspanischen Stadt Pamplona ist ein Amerikaner ums Leben gekommen. Wie das Rote Kreuz nach dem heutigen Lauf mitteilte, mussten während des achttägigen Festes zu Ehren des Schutzpatrons San Fermin bislang bereits 465 Menschen behandelt werden: 170 aufgrund von Hornverletzungen, viele andere wegen Alkoholvergiftung."
Segura gab Gas. Ein Besoffener wankte ihm entgegen, der sich in den Außenbezirk verirrt hatte. Segura hielt voll drauf und bog im letzten Moment zur Seite. "Amerikaner", schrie er dem Torkelnden nach. Er parkte in der dritten Reihe, spielte mit dem Schlüsselbund und guckte sich im Eingangsbereich die Oberweiten der weibliche Putzkolonne an. "Na Mädels, que viva Argentina."

Der Kommissar liebte große Busen, sehr große. Er war nun seit sieben Jahren bei der Mordkommission in Pamplona. Als einfacher Polizist in Burgos hatte er, was die Optik anging, um Längen besser gelebt. Der breite Gürtel eines Straßenpolizisten, daran Schlagstock, Handschellen und natürlich die gesicherte Pistole. Das war Power pur auf Streife rund um seine Männlichkeit. Segura war realistisch. Frauen hatten ihm damals mehr hinterhergeguckt. Inzwischen ging er in einem harmlosen, marineblauen Maßanzug. So war sie eben, die Qual der Beförderung im Polizeidienst. Carmen erwartete ihn schon. In der Halle roch es nach Putzmittel und Tod. Die Leiche lag zur Begutachtung auf dem Bauch. Segura nahm sofort die Arbeit auf, schaltete das Aufnahmegerät an und ging um den Toten herum. Er diktierte, was ihm Carmen gerade gesagt hatte: "1.82 Meter groß, 70 Kilo, kurzes dunkelblondes Haar, am rechten Fuß fehlt der kleine Zeh. Der Hals ist verdreht, Genickbruch. Ein Stierhorn hat die Bauchaorta getroffen. Eine verheilte Kratzwunde am Hals, vielleicht drei Wochen alt. Frische Schürfwunden am rechten Arm und an der rechten Schulter. In der linken Hand Splitter von einer Muschel, könnte eine Jakobsmuschel sein."
Der Kommissar beugte sich interessiert vor. Blut stieg ihm in den Kopf, diese verfluchten Kopfschmerzen. "Links oberhalb des Steißbeins ein kleiner Punkt, leicht aufgedunsene Ränder, verdammt noch mal, das ist ein Einstich. ..."

Carmen unterbracht ihn: " ... einer Spritze. Das Ende steckte noch im Körper. Die Laboruntersuchung läuft." Zurück im Kommissariat machte sich Segura für den Besuch an der Stelle in Pamplonas Altstadt fertig, der Unfallort oder Tatort sein konnte. Ein Unfall schien möglich, aber der Einstich machte ihm zu schaffen. Der des Stierhorns war das Normalste der Welt an diesen Tagen, aber der einer Spritze? Oberhalb des Steißbeins? Das Pulsieren im Kopf hörte nicht auf, er löste noch eine weitere Aspirin auf. Es war stiller geworden im Präsidium. Die meisten standen unten bei Juan in der Taverne am Thresen und aßen ein paar Tapas. Segura liebte diese Zeit am Tag. Er konnte ungestört nachdenken. Das Telefon blieb endlich ruhig, da hatte er oft seine besten Einfälle. Auf seinem Tisch bemerkte er eine neue Aktennotiz. Demnach war der Tote um kurz nach acht Uhr morgens entdeckt worden. Die Polizei hatte die Stelle abgesichert, die Spurensicherung war gekommen und das Rote Kreuz. Untersuchungsrichter Garzón, ein Don Juan mit grauem Haar und Adleraugen, hatte die Leiche zum Abtransport freigegeben, nachdem sie oberflächlich untersucht worden war. Das kannte man ja schon, Tote beim Stierlauf.

Vorschnell war das, die Macht der Gewohnheit. Erst einem aufmerksamen Krankenpfleger war beim Abtransport der Einstich im Rücken des Amerikaners aufgefallen. Den Mann musste der Kommissar ausfindig machen. Der Pfleger hatte offenbar sofort Garzón benachrichtigt. Der ließ den Transport kleinlaut in die Obduktion umleiten. Guter Mann, dieser Pfleger, dachte Segura, bestimmt stockschwul, aber gut.
Verwertbare Spuren würde die Spurensicherung kaum finden, das war dem Kommissar klar.




Muschelmord: Tod auf dem Jakobsweg Onlinebestellung ...