Ein Dorf ohne Kneipe

Eduard Harnischfeger streicht das Wechselgeld ein. -Weißt du, Paul, was das Zweittraurigste ist?- lallt er.
-Nein.- - Ein Dorf ohne Kneipe. Und weißt du, was das Traurigste ist? Ein Dorf mit dei­ner Kneipe.-

Neun Stufen abwärts dann schräg den kopfsteingepflasterten Hof hinunter. Vorsicht, der Misthaufen!
Gewohnheitsmäßig weicht Eduard dem Mist aus, der seit sieben Jahren nicht mehr da ist, sondern ins Silo hinter der Scheuer gepumpt wird. Stockfinster ist's, aber man kennt sich ja aus, kein Problem das alles. Hand hoch: der Briefkasten an der Straße. Finger links: Kottmanns Lat­tenzaun, die siebte Latte fehlt. Zwölf kleine Helle und zwölf dop­pelte Diesel, normale Betankung. Zweiunddreißig siebzig. Hat wieder fünf Pfennig aufgeschlagen, der Verbrecher. Kopf runter: die Wäscheleine vom Brehm. Es ist kürzer über die Höfe. Ruhig, Schappo, ruhig. Warum knurrt der Hund heute so? Komme doch jeden Samstag hier durch. Schlamm. Muß ´ne Pfütze gewesen sein. Die Brennesselecke an Brehms Scheuer: Stop zum Abstrahlen. Wer hätte das geglaubt, daß der Eduard Harnischfeger beim Storchenwirt mal einen ganzen Abend lang der einzige Gast sein würde, wer hätte das gedacht! Während er abschüttelt, sieht er sie sitzen, an langen Bänken auf breiten Ärschen. Humpen vor sich, nicht diese Likörgläser von heute, rechte Hand raus: der Pfosten beim Schmied, festhalten für die Kurve. Vor zwanzig Jahren noch: die Decke niedrig, Qualm, Krach, und von draußen stank der Misthaufen. Da wollte keiner weg, keiner.
Wieder gestolpert. Scheißbordstein. Früher war da kein Bord­stein. Ist erst gebaut worden, so vor drei Jahren. Ja, ja. Die Fuß­ballmannschaft, der Schützenverein - alles beim Storch - ja, ja. Hier ist der Schubert, Schweinestallgeruch. Ich bin richtig.
Kein Telefon, ganz klar, es gibt kein Telefon! Eduard stärkt sich für den Krach mit Rosa. Seit Jahren liegst du mir mit dem Telefon im Ohr und jetzt halt's Maul - übt er. Früher hat die Post so abgelege­ne Weiler gar nicht angeschlossen. Aber heute ziehn die ja überall ihre Gräben. Wohlstand! Alles kaputt macht der, alles! Jetzt nur noch geradeaus, den Rainweg lang. Rechts die Feldscheuer vom Haferstroh, hält den Wind ab. Nicht mehr weit. Frische Erde. Ge­ruch nach frischer Erde! Eduard blinzelt. Er macht ungern die Augen auf, wenn er betrunken ist, zu anstrengend. Frische Erde ...

Nach wenigen Schritten fällt Eduard in einen schmalen, aber ,tiefen Graben, den die Männer von der Post heute morgen auf Bestellung von Frau Rosa Harniscbfeger dem Feldweg entlang auf­gegraben haben, schlägt mit dem Kopf gegen ein Eisenrohr und ist sofort tot.
, So kam es, daß Eduard, dem Feind allen Fortschritts, dieser am Ende zum Verhängnis wurde und die Gaststätte zum Stoch in Lütterz ihren letzten Gast verlor und schließen mußte.

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© Wolfgang Rill 8/2015