Nun komm der Heiden Heiland …

Shankar Pi ist ein Wanderer zwischen den Wahrheiten geblieben. Die Welt hat seinen erfolgreichen Roman „Schiffbruch mit Tiger oder das Leben des Pi“ gelesen, Millionen haben die Verfilmung gesehen – aber wie ist sein Leben danach verlaufen? Wenig glücklich. Manchmal denkt Shankar, dass der einzige Freund, den er im Leben hatte, sein Feind der Tiger war. Damals ging es ums Überleben und nichts als das. Da war kein Platz für Gedanken an Termine, an bestellte Tickets, die Anwaltsrechnung oder gar an das Seelenheil. Da mussten Fische gefangen werden, immer mehr Fische, damit der Tiger ruhte. Und die Sonne, die brannte, und die violetten Horizonte, die eisweißen Nächte, das allnächtliche Todesurteil der Sterne – all das musste überstanden werden. Mein Gott, war er damals glücklich. Als dann der Tiger abgemagert und missmutig in den Dschungeln Mittelamerikas verschwand ohne sich noch einmal umzublicken, da ging etwas zu Ende, das besser war, als alles was kommen würde. Vielleicht lag es daran, dass der Tiger doch nicht der Tiger war, sondern seine Mutter, die er, Shankar, gefressen hatte um zu überleben. Vielleicht lag es auch daran, dass seine Mutter sich ihm freiwillig zum Fraß hingeworfen hat und … Shankar wird diesen Tiger nie loswerden … sein Vater auch.

der Verleger, der ihm seine Geschichte abkaufte, machte ihn reich und berühmt. Es machte Shankar nichts aus, dass der Verleger Kropotkin aus den Vereinigten Staaten daran noch mehr verdiente als er selbst. Die Göttin Shiva, von der er seinen Namen hat, wird nichts dagegen haben. Die USA machten ihm Angst. Da hatten die Eltern mit ihrem Zoo hingewollt. Das war das Ziel des Schiffes gewesen, das unterging. Er musste das Ziel ändern, damit sein Schiff nicht noch einmal untergehe. Es zog ihn in den Norden. Er versuchte Kanada.

Er war reich in Kanada. Englisch konnte er sowieso. Er hatte eine Suite im Hilton in Vancouver und er hatte ein Cottage an der Grenze zu Alaska. Er besaß ein Reitpferd, eine teure Kamera und eine Freundin, die in einem Buchladen arbeitete. Eine Zeitlang machte es ihm Spaß, durch die Welt zu ziehen und sich bewundern zu lassen. Talkshows, Lesungen, Interviews. All das brachte noch mehr Geld. Eines Tages sprach ihn ein Reporter auf den Tiger an. Ob der nur eine Metapher sei? Er riss dem Mann das Mikrofon aus der Hand und trampelte darauf herum.

nach Jahren betrat er wieder einmal eine indische Tempelanlage. Der Sikh, mit dem er lange sprach, gab ihm Frieden. Er hatte braune Augen und eine warme, anheimelnde Stimme. Er sprach vom Nirwana und von allen Heiligkeiten und immer wieder von der Auflösung des Ich. Aber wie als Kind, konnte er sich wieder nicht entscheiden. Sollte dies das einzige Glück sein?

Er betrat eine islamische Moschee und der Mullah, mit dem er lange sprach, gab ihm Frieden. Er hatte graue Augen und eine tiefe, vertrauenerweckende Stimme. Er sprach von Allah, vom Propheten Mohammed und von den sieben Himmeln. Aber wie als Kind, konnte er sich wieder nicht entscheiden. Sollte dies das einzige Glück sein?

Er betritt eine christliche Klosterkirche und der Mönch, mit dem er lange spricht, gibt ihm Frieden. Er hat braune Augen und eine weiche, einfühlsame Stimme. Er spricht vom Erlöser, der uns rettet und vom Garten Eden, der auf die Gütigen unter uns wartet. „Komm, der Heiden Heiland …“ singen ein paar junge Stimmen in der Apsis der Kirche.

weihrauchumweht betritt Shankar den gepflasterten Vorplatz der Kirche. Drüben an der Straße steht sein Chevrolet. Der Fahrer wartet. Aber Shankar geht nicht zu ihm hin. Er wendet sich dem Park zu. Er läuft durch den Park. Er läuft und läuft, wie Forrest Gump vor ihm gelaufen ist. Er läuft, bis er am Pazifik ankommt. Es ist Sommer. Er kauft vom letzten Geld ein Boot mit Rudern und eine Stange Zigaretten. In der Nacht rudert er hinaus.

Mal nachsehen, wie das wirklich ist, mit den sieben Himmeln, dem Heiland und dem Nirwana.

© Wolfgang Rill Juli 2015

Außergewöhnlicher Restmüll

Der Adolf war der letzte im Dorf, der ein Pferd hatte. Ein richtiges Arbeitspferd, keins von den neuen Primadonnen, den Warmblütern, die nur so über die Wiese tänzeln und zu nichts zu gebrauchen sind. In den Kriegsjahren hatte die junge Bella, so hieß das Pferd vom Adolf, noch echte Dienste geleistet. Sie war von Piotr, dem Polaken in Gefangenschaft, richtig rangenommen worden beim Pflügen und beim Heuen. Bella, die breithüftige Stute, schuftete geduldig und war genügsam im Futter. Und als Adolf aus dem Krieg heimkam, ein Auge und ein Fuß fehlten, da berichtete ihm Ilse, seine Frau, wie gut das Pferd sich im Krieg geschlagen hatte. Wenn´s nach der Bella gegangen wäre, sagte Ilse, dann hätte der Krieg gewonnen werden müssen.

Mit einem Auge und mit einem echten Fuß und einem aus Holz versuchte Adolf, nach dem Krieg den Hof wieder hochzubringen. Und Bella half ihm dabei. Erst nach drei Jahren, man schrieb 48, gab es die erste Zugmaschine im Dorf. Alle anderen hatten noch ihre Gäule. Aber später, in den 50er Jahren, begann das große Pferdesterben. Man munkelte von ganzen Zügen voller Pferde, die als Fracht ins Ausland geschickt wurden um dort geschlachtet zu werden und als Schweinsgulasch in Dosen zurück zu kommen. Alle im Dorf sagten, sie hätten ein Herz für ihre Pferde, aber leider, leider, seien die Zeiten nun mal nicht so. Und man müsse sich nach der Decke strecken. Und außerdem brauche man den Platz im Stall für den neuen Traktor und den Mähbinder.

Ein Anlass zu heimlichem Lästern war allerdings Bella, das Pferd. Eines Tages war Bella, wie gesagt, das letzte Pferd im Dorf. Längst nicht mehr für die Arbeit zu gebrauchen, auf einem Auge blind, und in einem Hinterhuf schon lahm. Tagsüber graste sie auf der kleinen Weide hinter der ehemaligen Scheune. Ein Stückchen Land, das noch geblieben war. Die Bella frisst bei mir ihr Gnadenbrot und basta! sagte Adolf, wenn es auch nur Gnadenheu war, das Bella fraß. Der Hof und seine Gebäude kamen immer mehr herunter, denn auch die Gummi brachte nicht viel ein.

Adolf blieb stur und der Hof kam nicht hoch. Ilse half, wo sie konnte und Bella auch. Feld auf Feld musste verpachtet werden. Adolf war einer der ersten, die in der nahen Stadt in der Fabrik, die die Leute die "Gummi" nannten, schaffen gehen mussten, als Pförtner. Du bist ja nur noch Teilzeitbauer, sagten der Schorsch und der Rudi am Samstagabend im Hirsch, nur noch ein halber Arsch. Bald gab es auch ein neues offizielles Wortungetüm dafür: Nebenerwerbslandwirtschaft. Nach und nach gab es im Dorf noch mehr halbe Ärsche, so dass man nicht mehr darüber lästerte.

Eines Tages aber, Bella war schon an die fünfundzwanzig Jahre alt und Adolf in den Sechzigern, da saß er im Hirsch und war wie verändert. Fröhlich wirkte er, erzählte von den alten Zeiten und machte Witze über Scheunen im Dorf, die ganz unerklärlich abgebrannt waren. Schorsch, dem einzigen wirklichen Freund raunte er zu: Gut, dass ich nie verkauft hab. Nie verkauft. Nur verpachtet. Ein paar andere hatten ihr Land schon weggegeben. Die zogen jetzt lange Nasen. Die gesamte Künzeller Höhe wurde Baugelände. Die Stadt hatte es lange geheim gehalten. Die meisten Felder vom Adolf lagen auf der Künzeller Höhe. Fast alle im Dorf hatten inzwischen ein Auto. Sie fuhren Käfer oder Opel Blitz. Adolf machte den Führerschein und kaufte sich gleich einen Mercedes, auch wenn es nur ein 180er Diesel war.

Eines Abends stand er auf seinem Hof, der nun gepflastert war und sehr anständig aussah und ein ländlicher Geruch stieg ihm in die Nase. Er kam aus dem Pferdestall. Dort stand immer noch Bella, inzwischen fast ganz blind. Ich muss dich erlösen Bella, sagte er laut vor sich hin. Am nächsten Tag lieh er sich einen Anhänger für Viehtransport und fuhr Bella zum Schlachthof. Komm zurück Adolf, du kriegst noch was! rief ihm einer nach, als er zu Fuß den Schlachthof verlassen wollte. Adolf kehrte um und bekam im Büro das Geld für Bella ausgezahlt. Er steckte den Umschlag achtlos ein und lief wieder einfach los. Der ist ja richtig hypnotisiert, rief ihm einer kopfschüttelnd nach. Adolf zog durch einige Kneipen in der Stadt und trank in jeder einen Korn und ein Bier. Aber es half nicht. Er kam auch am Bahnhof vorbei. Dort stand eine von den neuen Tonnen mit einem großen Loch oben drin. An der Tonne stand: Müll. In dieses Loch warf Adolf den Umschlag.


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© Wolfgang Rill, April 2016

Die Badewannen meines Lebens

Die alten Römer sollen sie schon gehabt haben. Im Mittelalter kamen sie aus der Mode, wurden bestenfalls zum Zuber, um während der Zeit des Sonnenkönigs ganz zu verschwinden. Man stank so vor sich hin. Die Badewanne wurde durch das Parfüm ersetzt.

Mein Verhältnis zu unserer ersten Badewanne war von beidem geprägt. Vor dem Baden fühlte ich den Abscheu des Sonnenkönigs gegenüber diesem grauweißen, kalten Emaillegefäß mit den abgestoßenen Ecken und dem großen Badeofen davor, in dem unten ein Holzfeuer brannte. Das Wasser war entweder zu kalt oder zu heiß. Die Seife brannte in den Augen und konnte nur durch meine Tränen herausgewaschen werden. Die flossen deswegen reichlich.

Hatte sich die Temperatur stabilisiert und seifte mir Oma mit einem Waschlappen auf dem Rücken herum, sah ich die Sache versöhnlicher.

Und nach dem Bad, nackt oder in ein duftendes Handtuch gehüllt fühlte ich mich sauber, frei und stolz - römisch eben. Dann drehte ich jauchzend in unserem Korridor ein paar Räder auf Händen und Füßen. Wenn ich heute unseren Korridor betrachte, erkenne ich, wie klein ich gewesen sein muss, um auf dieser minimalen Fläche ein Rad zu drehen.

Als alles aufwärts ging, wurde die erste Wanne durch eine neue ersetzt, die keine abgeplatzten Emaillewunden hatte und am Boden nicht von der Seife hunderter Bäder ganz rau war. Die neue wurde eingefliest und Warm- und Kaltwasser kamen künftig aus der Wand über ihr. Der Badeofen mit seinem Kupferkessel und dem gusseisernen Ofenteil verschwand.

Man kämpfte nicht mehr mit mir um ein Bad. Freiwillig stieg ich mindestens einmal die Woche rein. Aus sonnenköniglischem Hass vorher wurde stille, sagen wir, romantische Scheu. Nachher war das Sauberkeitsgefühl nicht mehr römisch, sondern, sagen wir, ein biedermeierliches Behagen.

Ich ahnte nicht, dass unsere neue Badewanne eins der größten Abenteuer meines jungen Lebens für mich bereit hielt. Ich war zwölf, vielleicht schon dreizehn. Oma durfte schon lange nicht mehr ins Bad, wenn ich drin saß. Die Eltern waren sowieso nie da. Die Tür war von innen abgeschlossen.

Ich hatte es schon ein paarmal angefangen. Es hatte gejuckt und dann hat es sich versteift und dann hat es mit der Spitze sogar aus dem Schaum geguckt. Ein unbeschreibliches Gefühl. Irgendwie erwachsen, irgendwie verboten, irgendwie umwerfend. Aber dann hatte ich Angst bekommen und aufgehört.

Diesmal hörte ich nicht auf. Oder besser gesagt, etwas hörte mit mir nicht auf. Etwas machte, dass ich mit wachsendem Eifer die Nudel rieb. Ich wusste nicht, was auf mich zukam. Als der Höhepunkt erreicht war, spritzte etwas in hohem Bogen und in zwei Wellen aus meinem Schwanz heraus. Ich war davon so überwältigt, dass ich mit dem Kinn runterrutschte und Seifenwasser schluckte.

Das gab es also! So etwas gab es. Niemand hatte mir bisher davon erzählt. Wozu diese klebrige gallertartige Flüssigkeit gut war, ob sie überhaupt gut war, ob sie vielleicht nur bei mir da rauskam und ein Zeichen von Krankheit war, eine Art Eiter - ich wusste es nicht. Ich beschloss, die Sache zu wiederholen, das aber nicht so bald.

Es kam die Zeit, in der ich herausfand, dass man dazu keine Badewanne brauchte, dass man es auch im Bett machen konnte, mit einem Taschentuch, das Oma möglichst nicht zu Gesicht zu bekommen hatte.

In den folgenden Jahren verloren die Wannen an Bedeutung. In den Jugendherbergen, in den Turnhallen gab es Duschen. Und meine erste eigene Wohnung auf einem heruntergekommenen Bauernhof in Weyhers hatte weder Dusche noch Wanne. Es gab dort nur den dicken Wasserstrahl, der im Hof aus einem Rohr in einer Natursteinwand in ein Becken aus Sandstein fiel.

Die Bundeswehrblocks in Fritzlar, danach Göttingen und Frankfurt mit ihren Studentenwohnheimen hatten ebenfalls nur Duschen. Und in Berlin begann ich wieder ganz unten mit einem Klo halbe Treppe und einem Wasserhahn in der Küche.

Es wird dennoch viele Wannen auf meinem Weg gegeben haben. Doch heute kann ich mich noch nicht mal an alle Freundinnen erinnern, die damals die Gnade hatten, mit mir zu schlafen. Wie viel weniger kann ich da noch die Badewannen wissen.

Es gibt aber ein paar Ausnahmen. Drei Jahre lebte ich in einer goßen Wohnung in der Sonnenallee in Neukölln. Und die hatte eine Wanne im Badezimmer, und sie hatte tatsächlich noch einen Badeofen. Genau so einer wie der damals bei uns in der Künzeller Straße. Ein paar Monate heizte ich mit Holzscheiten vor, wenn ich baden wollte. Dann leistete ich mir ein elektrisches Heizgerät. Es war eine Art sehr großer Tauchsieder. In die Kupferhülle des Kessels wurde oben ein Loch geschnitten. Hier wurde der Tauchsieder eingelötet. Nun konnte ich die Temperatur einstellen, das Ding einschalten und musste nur etwa zwanzig Minuten warten, bis das Wasser heiß war.

Doch, was viel wichtiger wäre, die Frage nämlich, mit wem habe ich eigentlich in dieser Wanne gesessen, übrigens Emaille mit abgeschlagenen Kanten? Ich weiß es nicht mehr. War es mit Moni, die einmal für ein Wochenende mit nach Berlin kam? War es mit Kerstin, die mir damals nicht hübsch genug war, die aber willig war? Und war es mit Karla, die ebenfalls nicht richtig hübsch war? Nicht drin gesessen habe ich ganz sicher mit Michael, meinem zeitweiligen Untermieter, und mit Werner, der ebenfalls ein paar Monate bei mir wohnte. Einmal, Werner und ich hatten uns am nahen Paul Linke Ufer sehr betrunken, lag das allerdings in der Luft. Wir waren nach Hause gewankt und Werner hatte so etwas Magisches und Erotisches. Es hätte dieses eine Mal in meinem Leben beinahe etwas mit einem Mann passieren können, vielleicht sogar in der Badewanne. Aber ich hatte Schiss und Werner vielleicht auch. Wir fielen auf unsere Betten, jeder auf seins, und verschliefen diese Anwandlung.


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© Wolfgang Rill, 2015

Neue Legende von Paul und Paula

Als er fünf war, wollte der kleine Paul noch Lokomotivführer werden. Es wurden aber gerade die letzten Dampfloks ausgemustert. Diesen neuen Diesel- und Elektroloks konnte er nichts abgewinnen. Notgedrungen änderte Paul, der inzwischen schon zehn wurde, seinen Berufswunsch in Fußballtrainer. Er spielte in der Kindermannschaft des Borussenclubs in seiner Stadt. Dort allerdings nur drei Jahre, dann wurden ihm die Traininge und die Disziplin in der Mannschaft zu anstrengend. Inzwischen, mit fünfzehn, hatte Paul auch sehr im Gegensatz zu seinen raubeinigen Kameraden eine Vorliebe für schicke Kleidung, feines Benehmen und sogar für männliche Deodorants und Rasierwasser entwickelt. Rasieren musste er sich allerdings nicht. In dieser Zeit wurde Bankangestellter zu seinem Berufswunsch.

Er entfernte sich mehr und mehr von seinen Kollegen und fühlte sich zu den Mädchen hingezogen. Dies aber auf eine Art, welche die Mädchen nicht mochten. Zum Beispiel hatte Paul einen immer größeren Widerwillen, in der Schule auf das Jungenklo zu gehen, wenn es ihn drückte. Stattdessen ging er heimlich aufs Mädchenklo und wurde dabei erwischt. Es gab ein großes Gekreische und Gezetere. Als Paul auch vor dem Sportunterricht mehrfach im Mädcheinumkleideraum angetroffen worden war, sahen sich der Klassenlehrer und der Schuldirektor genötigt einzuschreiten.

In einem Brief wurde den Eltern das merkwürdige Verhalten ihres sonst sehr wohlerzogenen und strebsamen Jungen mitgeteilt und es wurde um eine Aussprache gebeten. Ich weiß auch nicht, was mit ihm los ist, sagte die Mutter. Zu Hause reibt er sich die Härchen auf seinen Armen mit Bimsstein weg. Und: Ich weiß auch nicht, was mit ihm los ist, sagte der Vater. Habe ihn neulich erwischt, wie er aus der Wäschetonne meine Unterhosen herausangelte und daran roch.

Pubertäres Sexualverhalten und Identitätsfindungsprobleme, so versuchte der Schuldirektor den Vorgängen einen Namen zu geben. Entschuldigen Sie, wenn ich es so direkt ausspreche, sagte der Klassenlehrer, aber vielleicht ist er schwul? Zum Glück leben wir in einer Zeit, in der das keine Schande mehr ist.

Aber Paul war nicht schwul. Zwar fühlte er sich zu Männern hingezogen, dies aber nicht auf die Art eines schwulen Jungen sondern auf die Art eines Mädchens, das anfängt, das andere Geschlecht zu entdecken. Dies andere Geschlecht war bei Paul unglücklicherweise sein äußerlich eigenes. Wie gesagt, nur äußerlich, denn innerlich bin ich ein Mädchen, sagte Paul sich selbst.

Was machen wir nur mit dir? fragte der Vater am Abend vor dem Fernseher, wo Paul im 3. Programm unbedingt eine Aufführung des Balletts Schwanensee gucken wollte, wo doch im Ersten Tatort kam.

Ich weiß auch nicht, wie es mit dir weitergehen soll, sagte die Mutter und nahm in Pauls Zimmer die Büstenhalter und Höschen aus der Schublade.

Ist doch klar, sagte Paul: Ich bin ein Mädchen. Noch nie etwas von Geschlechtsumwandlung gehört?

Weißt du, wie teuer das ist? fragte der Vater.

Ob die Kasse so was bezahlt? fragte die Mutter. Beide waren beamtete Lehrer und nicht gerade arm.

Als moderner Mensch erkundigte sich der Vater in den nächsten Tagen beim Schulpsychologen und bei einem Arzt, was in so einem Fall zu tun sei. Sollte es wirklich zu einer Geschlechtsumwandlung kommen sollen, so muss Ihr Junge sich darauf vorbereiten, sagte der Psychologe. Wir haben solche Fälle sehr selten, aber jedesmal raten wir, sich genau zu prüfen und die Umwandlung erst nach der Pubertät vorzunehmen. Der Arzt sagte, medizinisch sei das heute kein Problem mehr und das innere weibliche Organ ließe sich formstabil nachbilden. Den Rest erledige eine regelmäßige Einnahme von Östrogenpräparaten.

Mach erst mal dein Abitur, dann bauen wir dich um, sagte der Vater.

O Gott, o Gott, mein Junge, sagte die Mutter. Das wird für uns alle nicht einfach.

Keine Sorge, geht schon, sagte Paul und machte ein gutes Abitur.

Zwei Monate nach dem Abitur verließ Paul die Klinik als Paula. Paula musste nun ja nicht mehr zur Bundeswehr und begann gleich mit dem Lehrerstudium. Sie studierte fleißig Biologie und Chemie und es sah so aus, als würde sie in der normalen Studienzeit von neun Semestern ihre Examen schaffen. Lernen war kein Problem für sie. Problematisch wurde ihr etwas anderes: Paula begann, sich für Mädchen zu interessieren. Sie saß gern neben ihnen im Hörsaal und ging natürlich weiterhin auf ihr Klo und in ihre Umkleideräume. Das fiel zuerst auch gar nicht auf, weil sie ja äußerlich auch eins war. Dies aber leider, wie gesagt, nur äußerlich, denn innerlich war Paula wieder zum Jungen geworden. Und als innerlicher Junge schaute sie ihren Mitstudentinnen gerne und manchmal zu aufreizend auf die nackten Brüste oder sonstwo hin.

Du liebe Zeit, dein Hin und Her geht mir auf den Wecker, sagte der moderne Vater, als Paula sich in der Küche zu ihm setzte und ihm sagte: Ich will wieder zurückverwandelt werden. Guck dir zum Beispiel diese Hautflecken an, die ich überall habe. Mich will doch sowieso kein Junge.

Du liebe Zeit, ob die Kasse das noch mal bezahlt? rief die Mutter.

Der Psychologe meinte, dass solche Fälle sehr selten seien, dass man sich, wenn es denn geschehen sollte, sehr gründlich darauf vorbereiten müsse. Der Arzt sagte, medizinisch sei das kein Problem. Man könne den Penis formschön wieder herstellen, den Rest erledigen regelmäßige gaben von Testosteron.

Nach den nächsten Semesterferien verließ Paula wieder als Paul die Klinik. Paul ging jetzt aufs Jungenklo, hatte weiterhin seine Hautflecken, aber die störten die Schönheit nicht. Im Bus sah er nach den Mädchen, nicht nach den Jungen. Aber dann erwischte man Paul, wie er sich seine alten Büstenhalter überzog und vor dem Spiegel posierte.

Heute ist sie siebzig und gerade mal wieder Paula. Ein Lehrerleben lang war sie mal Lehrerin, mal Lehrer. Insgesamt fünfmal hat sie gewechselt.

Oder waren es sechs mal? Paula weiß es nicht mehr genau. Man müsste die Kasse fragen.


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© Wolfgang Rill, 2015