Pferde am Wegesrand

Pferde am Wegesrand

Ein Wochenende in Nordhessen

Es gibt die unterschiedlichsten Möglichkeiten zum eigenen Vergnügen unterwegs zu sein. Für viele Menschen sind Flugreisen mit ihren Eincheckmodalitäten ebenso stressig wie lange Autofahrten, die oft mit Staus und nörgelnden Kindern verbunden sind. Wandern, Radfahren oder Kanu fahren sind überaus gesunde Alternativen, aber es gibt Menschen, die haben einfach keine Lust, den ganzen Urlaubstag zu laufen, in die Pedale zu treten oder zu paddeln. Aber wie wäre es mit einer Kutschfahrt? Hier ist jetzt nicht unbedingt die übliche Planwagenfahrt mit reichlich Bier, Schnaps, Brot, Wurst, Schinken und Käse gemeint, sondern eine Kutschfahrt bei der Kultur, Geschichte und Natur im Vordergrund stehen. Unsere Burgen- und Schlössertour durch Nordhessen startete morgens um 10 Uhr mit einer Besichtigung von Burg Heiligenberg, einer Burg, die einen guten Überblick über das Edertal und die nordhessische Natur- und Kulturlandschaft südlich des Naturparks Habichtswald bietet.

Blick vom Heiligenberg

Blick vom Heiligenberg auf den unteren Teil der Burganlage

Herr Fritz Strack vom Heiligenbergverein Gensungen war so freundlich uns eine Einführung in die spannende Geschichte des Heiligenbergs zu geben. Archäologisch Funde belegen die Anwesenheit von Steinzeitjägern auf dem Berg, eigentlich logisch, schließlich hatten sie von hier oben einen guten Blick über die Landschaft mit ihren Wildwechseln und Wanderbewegung der großen Herdentieren. Auch die Germanen nutzen die strategische Lage, aber mit dem Bau einer wehrhaften, steinernen Burg wurde erst im Jahr 1180 begonnen. Burg Heiligenberg wurde bald nach ihrer Fertigstellung sechs Jahre später bereits belagert, einige Jahre später zerstört, aber wieder aufgebaut wurde... bis schließlich 1471 anstelle einer Burg eine einfache Kapelle errichtet wurde.

Blick Felsberg

Blick auf Felsberg

Da der Fußweg auf den Berg doch zu beschwerlich war, geriet die Kapelle und die gesamte Burganlage in Vergessenheit bzw niemand kümmerte sich mehr darum. Erst im 20. Jahrhundert wurde die Burg nach einer Initiative Gensunger Bürger restauriert, fast eine Sisyphusarbeit, allerdings können sich die bisherigen Erfolge durchaus sehen lassen. Heute ist die Burg nicht nur für Geschichtsliebhaber interessante, sondern auch als Picknickstätte sehr beliebt und auch Naturliebhaber machen sich gerne auf den Weg, da die Flora und Fauna, bedingt durch unterschiedlichen Böden und Wärmeeinstrahlungen, sehr vielfältig ist. Nach dem interessanten Vortrag marschierten wir zum Burgparkplatz. Unsere Kutsche mit Aimee und Frazer, zwei Shire-Horses, wartete bereits auf uns.

Picknick im Wald

Picknick im Wald

Zunächst marschierten die beiden Kaltblüter mit uns im Schlepptau bergab, durch den Ortteil Felsberg-Gensungen und dann über die Ederbrücke bis zum Fuße der Burg Felsburg in Felsberg. Hier wurden wir bereits von Herrn Hans Poth vom Burgverein Felsberg erwartet. Er erläuterte uns die Geschichte der Burg, die bereits in germanischer Zeit begann.

Der Volksstamm der Chatten (auch Katten geschrieben) besiedelte diese Region kurz nach der Zeitenwende und baute auf der heutigen Felsburg eine hölzerne Wehranlage, um von diesem erhöhten Ort aus die Salzstraße und den Ederübergang im Blick zu haben und zu kontrollieren. Im Mittelalter wurde die Wehranlage durch eine Burg aus Stein ersetzt, was auch nötig war, da sie Jahrhunderte lang immer wieder belagert und umkämpft war. Die relativ kleine Burganlage, sie war in Friedenszeiten von nur etwa 30 Personen bewohnt, präsentiert sich heute sehr gepflegt und einladend, ein Verdienst des Burgverein Felsberg, der seit dem Jahr 1907 für den Erhalt der Burg verantwortlich zeichnet. Etwas ungewöhnlich scheint der verputzte Burgturm, allerdings war dies im Mittelalter durchaus üblich.

Fritzlar

Fritzlar

Übrigens, wer sich mit dem Gedanken trägt in einer Burg zu heiraten, auf der Felsburg ist dies möglich... Nun gut keiner von uns wollte hier und heute diesen Schritt tun, also verließen wir diesen gepflegten Ort und marschierten zurück zur Kutsche. Wir verließen die hübsche Kleinstadt Felsberg, Aimee und Frazer zogen unsere Kutsche weiter in Richtung Westen. Als Weg diente uns auf diesem Streckenabschnitt der Fernwanderweg X3 (Bad Frankenhausen - Korbach). Nach einer Weile hielt die Kutsche. Schnell sahen wir den Grund: Rechts von uns war ein Tisch aufgebaut, eingedeckt und mit diversen Leckereien versehen. Sekt und andere Getränke standen bereit bzw. wurden fachgerecht vom Restaurantleiter von Schloss Garvensburg serviert. Vor allem die Biokäse von Ökohof Kichhof waren wirklich lecker.

Schloss Garvensburg

Schloss Garvensburg

Nach dieser Stärkung ging es weiter nach Fritzlar, wo Herr Dr. Schotten auf uns wartete, um uns ein wenig über die Stadtgeschichte der Domstadt zu erzählen. Fritzlar lag in der Antike und im Mittelalter am Schnittpunkt verschiedener Handelsstraßen, so dass der Herrscher über die Stadt auch die Region kontrollieren konnte. Vor allem Sachsen, Franken, Thüringer und die Mainzer Erzbischöfe stritten um die Stadt an der Eder. Wie bei mittelalterlichen Städten üblich und notwendig, hatte auch Fritzlar eine wehrhafte Stadtmauer, die heute noch fast vollständig erhalten ist. Und auch von den früher 23 Wehrtürmen stehen noch 13, der sogenannte Graue Turm ist sogar der höchste noch stehende Wehrturm Deutschlands. Eng mit der Stadt verbunden ist der Heilige Bonifatius, der im Jahr 723 die Donareiche, ein wichtiges Heiligtum der Chatten fällte und ein Jahr später an seiner Stelle eine Kirche aus dem Holz der heiligen Eiche errichten ließ.

Speisesaal im Schloss Garvensburg

Speisesaal im Schloss Garvensburg

Nach dem spannenden Vortrag von Herrn Dr. Schotten ging es weiter, durch den Ortteil Geismar hindurch. Wenige Kilometer von der Stadt entfernt, erneut ein Stopp. Am Wegesrand wartete die Donarquelle „Sauerbrunnen“ auf uns, eine Quelle, die bis ins Mittelalter heilig war und deren Wasser heute noch gerne abgefüllt wird, da ihm heilende Wirkung zugeschrieben wird. Das Wasser schmeckte etwas gewöhnungsbedürftig, auch ein wenig sauer, es ist Eisen und CO2-haltig, aber durchaus trinkbar. Die Quelle war übrigens in einem hübschen, sauberen, aber renovierungsbedürftigen Brunnenhaus untergebracht. Der Tag neigte sich dem Ende zu, aber jetzt lagen ja nur noch fünf Kilometer bis zum Schloss Garvensburg, dem Ende der Tagesetappe, vor uns. Hier checkte ich schnell ein und alle Tourteilnehmer, die ihr Auto am Heiligenberg abgestellt hatten wurden zurückgefahren, damit sie ihre Autos zum Schloss bringen konnten. Anschließend gab es ein herrschaftlich-rustikales Abendmenü bestehend aus einer leckeren Pilzrahmsuppe, Entenkeule, Rotkohl, Knödel und zum Schluss Torten und Kaffee.

Altendorf

Kurz vor Altendorf

Kutschtour von Burg Heiligenberg bis Waldeck -

Am nächsten Tag, einem Sonntag, bekamen Aimee und Frazer Verstärkung. Um sie zu schonen wurden sie vorne eingespannt, hinter ihnen taten Pablo und General, ebenfalls Shire-Horses, ihren Dienst. Vierspännig ging es also los.
Herr Döring erzählte während der Fahrt von Pferden und ihren Eigenarten. Auch wenn es für Laien so aussieht, nicht jedes Pferd innerhalb eines Gespanns zieht gleichmäßig. Es gibt Tiere, die sind prinzipiell etwas fauler und auch solche, die eigentlich fleißig sind, aber sich zurücknehmen, wenn sie merken das andere Pferde die Arbeit tun. Es gehört schon viel Fingerspitzengefühl und Erfahrung dazu, so ein Gespann optimal zusammen zu stellen.

Riesensteine im Habichtswald

Die Riesensteine im Habichtswald

Die Shire-Horses sind Kaltblüter, freundlich und gelassen. Es sind die größten Pferde der Welt, die größten Exemplare können Gewichte über 1.200 Kilogramm erreichen. Normal ist aber ein Gewicht von etwas mehr als 800 bis 850 Kilo. Wir hatten also etwa 3,2 bis 3,3 Tonnen geballte Muskelkraft vor unserem Wagen.
Mit so viel Power ging es durch den morgendlichen Habichtswald. Zwischendurch lief uns ein Fuchs - ziemlich gelassen – über den Weg. Er kam vom Ufer der Elbe (nicht die große Elbe), überquerte eine Wiese, dann die Straße und verschwand im angrenzenden Maisfeld. Für einen Großstadtmenschen immer ein nettes Erlebnis. Obwohl Füchse auch in den Großstädten heimisch geworden sind, sieht man sie dort nur selten.

Kutsche in Fahrt

Kutsche in Fahrt

Inzwischen waren wir von der Straße auf einen Feldweg abgebogen und nach wenigen hundert Metern führte der Weg in ein Waldstück. Hier hielten wir und marschierten unter Führung von Frau Döring bergauf. Ziel des Marsches war ein großer Felsen, der in vorchristlicher Zeit als Opferstein diente. Die sogenannten Riesensteine lohnten einen Besuch, einmal, weil sie tatsächlich sehr imposant sind, aber auch wegen der schönen Aussicht von dort. Die kleine Wanderung war sehr angenehm, spannend auch wegen der zahlreichen Pilze, die teilweise mitten auf dem Pfaden wuchsen.
Die anschließende Fahrt durch den Naturpark Habichtswald mit seiner sanft geschwungene Landschaft, mit Mischwäldern, abgeernteten Feldern und grünen Wiesen hatte einen ganz besonderen Reiz. Die milde Sonne und ein leichter Dunst taten ein übriges, um dem Morgen einen geheimnisvollen, friedlichen Anstrich zu geben.

Schweinekirche

Die Schweinekirche im Schloss-Elbenberg

Die Fahrt ging durch das Dorf Altendorf hindurch nach Ebernberg. Hier wartete die Schlossherrin Frau von Buttlar auf uns. Zuerst wurden natürlich die Pferde abgespannt und versorgt, danach wurden wir mit einem Prosecco begrüßt. Frau von Buttlar gab eine kleine Einführung in die Familiengeschichte, in die Geschichte der Region und über die Landwirtschaft und Forstverwaltung, die zum Schloss gehört. Außerdem brachte sie uns mit der einen oder anderen Anekdote aus ihrer Jugend, sie wuchs im Schloss auf, zum Schmunzeln. Anschließend begaben wir uns zum Lunch, bestehend aus herbstlichen Salaten, Rehrücken mit diversen Beilagen und Dessert.
Die Mittagszeit neigte sich dem Ende entgegen und wir brachen auf. Es ging zuerst über Seitenstraßen und Feldwege bis zur hübschen Kleinstadt Naumburg. Damit das Mittagmahl besser "rutschen" konnte oder vielleicht um die einsetzende Müdigkeit zu bekämpfen, zog es der eine oder andere aus der Gruppe vor hinter dem Wagen her zu gehen anstatt sich ziehen zu lassen. Die Pferde hatten eine angenehme Geschwindigkeit, es war keine Schwierigkeit für uns Schritt zu halten.

Schloss Elbenberg

Schloss Elbenberg

Hinter Naumburg führte der Weg durch einen recht großen Wald, die Zeit verstrich, so dass ein Becher Kaffee und Stück Kuchen, trotz des üppigen Mittagessens, hoch willkommen war. Frau Döring war mit ihrem Wagen vorausgefahren und hatte die „Kaffeetafel“ stilgerecht auf Baumstämmen arrangiert. Die Pause währte nur kurz, die Sonne verschwand und dunkle Wolken zogen herauf, so dass die Planen des Wagens herabgelassen wurden. Allerdings zog das erwartete Gewitter vorbei und wir näherten uns Waldeck. Leider blieb der Himmel bewölkt, so dass der anschließende Blick auf die imposante Burg Waldeck und den Edersee nicht ganz so schön war wie er hätte sein können. Für uns waren die zwei schönen Tage hier zu Ende, nur die Autofahrt zurück zum Schloss Garvensburg folgte noch und natürlich die Heimreise.